Es beginnt oft harmlos: Eine einzelne Ameise krabbelt über die Küchenzeile. Wenige Stunden später hat sich diese Kundschafterin in eine gut organisierte Straße verwandelt, die zielstrebig den Weg zwischen einer undichten Fuge und dem Honigglas zurücklegt. Ameisen im Haus sind nicht nur ein hygienisches Ärgernis, sondern können je nach Art auch ernsthafte Schäden an der Bausubstanz verursachen oder gesundheitliche Risiken bergen. Doch der Griff zur erstbesten Spraydose ist oft kontraproduktiv. Um das Problem dauerhaft zu lösen, müssen Sie die Wurzel des Übels finden: das Nest und die Königin. In diesem Artikel erfahren Sie detailliert, wie Sie die verschiedenen Ameisenarten unterscheiden, ihre Nester lokalisieren und sie effektiv – aber bedacht – bekämpfen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Artenbestimmung ist Pflicht: Nicht alle Ameisen sind gleich. Während die Schwarzgraue Wegameise meist nur lästig ist, können Holzameisen die Bausubstanz zerstören und Pharaoameisen Krankheiten übertragen.
- Das Nest ist das Ziel: Das Töten von Arbeiterinnen bringt keinen langfristigen Erfolg. Nur die Eliminierung der Königin(nen) beendet den Befall.
- Spurverfolgung: Nutzen Sie Köder, um die Laufwege der Ameisen zurückzuverfolgen und den Nesteingang zu lokalisieren.
- Vorsicht bei Insektensprays: Bei bestimmten Arten (z. B. Pharaoameisen) führt das Versprühen von Gift zur Aufspaltung der Kolonie (Zweignestbildung), was das Problem verschlimmert.
- Bausubstanz schützen: Holzzerstörende Arten wie die Braune Wegameise nisten oft versteckt in Dämmungen oder morschem Holz und erfordern meist professionelle Hilfe.
Warum kommen Ameisen ins Haus?
Ameisen sind faszinierende, staatenbildende Insekten, die in komplexen Sozialstrukturen leben. In Bayern allein sind 87 Ameisenarten bekannt, von denen jedoch nur wenige als Haus- oder Materialschädlinge in Erscheinung treten[1]. Der Hauptgrund für das Eindringen in menschliche Behausungen ist die Suche nach Nahrung und Wärme. Besonders im Frühjahr, wenn die natürlichen Nahrungsquellen im Freiland noch knapp sind, werden die gut riechenden Vorräte in unseren Küchen unwiderstehlich. Die Arbeiterinnen, die wir sehen, sind sterile Weibchen, deren Aufgabe die Versorgung der Brut und der Königin ist. Sie kommunizieren über Duftstoffe (Pheromone), um anderen Nestgenossinnen den Weg zu Futterquellen zu weisen[2].
Ein weiterer Faktor ist der Nistplatz. Während viele Arten, wie die häufige Schwarzgraue Wegameise (Lasius niger), ihre Nester vorzugsweise im Erdboden unter Steinen oder Platten anlegen und nur zur Futtersuche ins Haus kommen, gibt es Arten, die das Haus selbst als Lebensraum nutzen. Diese sogenannten Hausameisen nisten in Hohlräumen von Wänden, unter Fußböden oder in Dämmmaterialien. Wärme spielt hierbei eine entscheidende Rolle: Die Pharaoameise beispielsweise benötigt eine konstante Nesttemperatur von ca. 27 °C und ist daher in unseren Breiten fast ausschließlich in beheizten Gebäuden zu finden[3].
Schritt 1: Den Feind erkennen – Welche Ameise ist es?
Bevor Sie sich auf die Suche nach dem Nest machen, müssen Sie wissen, wen Sie suchen. Die Bekämpfungsstrategie hängt maßgeblich von der Art ab. Eine falsche Bestimmung kann fatale Folgen haben, etwa wenn man Pharaoameisen mit Kontaktgiften besprüht und dadurch eine explosionsartige Ausbreitung auslöst.
Die Lästlinge: Schwarzgraue Wegameise (Lasius niger)
Dies ist die häufigste Art, die in Häusern und auf Terrassen angetroffen wird. Die Arbeiterinnen sind etwa 3 bis 5 mm groß und dunkelbraun bis schwarz gefärbt. Sie legen ihre Nester meist im Außenbereich an, oft unter gepflasterten Wegen, was zum Absacken von Gehwegplatten führen kann[1]. Sie dringen meist nur zur Nahrungssuche ins Haus ein. Ihre Bekämpfung ist vergleichsweise einfach, da das Nest oft außerhalb des Gebäudes liegt.
Die Materialschädlinge: Braune Wegameise (Lasius brunneus)
Diese Art ist einer der bedeutendsten Materialschädlinge in Deutschland. Sie ist zweifarbig: Der Kopf und der Hinterleib sind dunkelbraun, während der mittlere Körperabschnitt (Thorax) heller, rötlich-braun gefärbt ist[4]. Im Gegensatz zur Schwarzgrauen Wegameise meidet sie das Licht und läuft oft versteckt in Spalten und Ritzen.
Gefahr: Sie legt ihre Nester bevorzugt in morschem, aber auch in intaktem Holz oder Dämmmaterialien (Styropor, Kork) an. Sie höhlt Balken aus und kann die Statik von Gebäuden gefährden. Da sie ihre Wege oft verdeckt anlegt, wird ein Befall häufig erst spät bemerkt, etwa wenn beim Hochzeitsflug hunderte geflügelte Tiere im Haus auftauchen[5].
Die Gesundheitsgefahr: Pharaoameise (Monomorium pharaonis)
Diese winzigen (1,5–2,5 mm), bernsteingelben Ameisen sind tropischen Ursprungs. Sie benötigen Wärme und Feuchtigkeit. Ein markantes Merkmal ist ihre Ernährung: Sie lieben eiweißhaltige Nahrung wie Fleisch, Blut oder Eiter, gehen aber auch an Süßes.
Gefahr: Da sie Krankheitserreger wie Salmonellen oder Streptokokken übertragen können, stellen sie in Krankenhäusern, Großküchen und Pflegeheimen ein enormes Gesundheitsrisiko dar[3]. Ihre Kolonien können riesig werden und sich über ganze Wohnblocks erstrecken.
Achtung Verwechslungsgefahr!
Die harmlose Gelbe Wiesenameise (Lasius flavus) wird oft fälschlicherweise für eine Gefahr gehalten. Sie lebt fast ausschließlich unterirdisch im Rasen, züchtet dort Wurzelläuse und kommt praktisch nie ins Haus. Sie legt kleine Erdhügel im Rasen an, schadet aber weder Pflanzen noch Gebäuden[1]. Eine Bekämpfung ist hier meist unnötig.
Schritt 2: Das Nest finden – Wie ein Detektiv vorgehen
Das Finden des Nestes ist der Schlüssel zum Erfolg. Da die Königin das Nest fast nie verlässt (außer bei bestimmten Arten zur Koloniegründung), müssen Sie den Arbeiterinnen folgen. Hier sind bewährte Methoden:
Methode 1: Die Futterspur (Anfüttern)
Wenn Sie einzelne Ameisen sehen, töten Sie diese nicht sofort. Sie sind Ihre Wegweiser. Um das Nest zu finden, müssen Sie eine Ameisenstraße provozieren.
Stellen Sie Köder aus Zuckerwasser, Honig oder (für proteinliebende Arten) Thunfisch/Leberwurst auf. Platzieren Sie diese nahe der Stelle, wo Sie die Ameisen gesehen haben. Warten Sie ab. Sobald die Ameisen die Quelle entdeckt haben, werden sie zum Nest zurücklaufen, um die Nahrung zu teilen und Verstärkung zu holen. Verfolgen Sie die Straße zurück. Achten Sie darauf, wo sie in der Wand, unter der Fußleiste oder im Fensterrahmen verschwinden.
Methode 2: Auswurfmaterial beobachten
Besonders bei holzzerstörenden Arten wie der Braunen Wegameise oder Rossameisen (Camponotus) verrät sich das Nest oft durch Auswurfmaterial. Diese Ameisen fressen das Holz nicht, sondern nagen es nur aus, um Wohnraum zu schaffen. Achten Sie auf feines Holzmehl (Genagsel), Styroporkrümel oder Reste von Insektenpanzern, die aus Ritzen, Deckenverkleidungen oder hinter Schränken herausrieseln[5]. Dies ist ein sicheres Indiz für ein Nest in der unmittelbaren Nähe.
Methode 3: Der Schwarmflug
Einmal im Jahr, meist an schwülen Sommertagen, verlassen die geflügelten Geschlechtstiere (Jung-Königinnen und Männchen) das Nest zum Hochzeitsflug. Wenn Sie plötzlich hunderte geflügelte Ameisen im Haus haben, ist das Nest definitiv im Gebäude. Beobachten Sie genau, aus welcher Ritze die Tiere quellen. Bei der Braunen Wegameise findet dieser Schwarmflug oft schon sehr früh, zwischen Ende Mai und Anfang August, statt[5].
Schritt 3: Strategien zur Bekämpfung und Vertreibung
Haben Sie die Art bestimmt und das Nest (oder zumindest den Eingang) lokalisiert, können Sie handeln. Die Strategie muss zur Art passen.
1. Barrieren und Vergrämung (Für Lästlinge)
Bei Arten, die von draußen hereinkommen (wie Lasius niger), reicht es oft, den Zugang zu versperren und die Attraktivität der Wohnung zu senken.
- Abdichten: Verschließen Sie Fugen, Risse im Mauerwerk und undichte Fenster mit Silikon oder Gips[1].
- Gerüche: Ameisen orientieren sich stark am Geruchssinn. Starke Düfte können die Pheromonspuren stören. Bewährt haben sich Lavendelöl, Wacholder, Nelkenpulver oder Essig. Auch Kreidestriche können als Barriere wirken, da das alkalische Pulver die Fühler irritiert[1].
- Hygiene: Entfernen Sie Nahrungsreste sofort, verschließen Sie Mülleimer dicht und lagern Sie Vorräte in Glas- oder Keramikgefäßen (Ameisen können dünnes Plastik durchnagen).
2. Fraßköder (Die Waffe gegen das Nest)
Wenn das Nest unzugänglich ist, sind Fraßköder die effektivste Methode. Das Prinzip ist die sogenannte Trophallaxis (soziale Futterverteilung): Die Arbeiterinnen fressen den Giftköder nicht sofort selbst, sondern tragen ihn ins Nest und füttern damit die Königin und die Larven[2].
Wichtig ist, dass das Gift verzögert wirkt. Würden die Arbeiterinnen sofort sterben, käme kein Gift zur Königin. Geduld ist hier gefragt – es kann Wochen dauern, bis eine Kolonie erlischt. Verwenden Sie handelsübliche Köderdosen oder Gele, die direkt in Laufwege und Ritzen eingebracht werden können[6].
Warnung: Pharaoameisen niemals sprühen!
Bei Pharaoameisen dürfen Sie keinesfalls Insektensprays (Kontaktgifte) verwenden. Diese Ameisen reagieren auf Stress und Bedrohung mit der sogenannten "Zweignestbildung" (Budding). Stirbt ein Teil der Kolonie oder fühlt sich bedroht, ziehen einzelne Königinnen mit ein paar Arbeiterinnen sofort um und gründen neue Satellitennester. Aus einem Befall wird so in kürzester Zeit ein Befall im ganzen Haus[3]. Hier helfen fast ausschließlich spezielle Fraßköder mit Wachstumsregulatoren oder verzögerten Giften.
3. Bekämpfung von Holzameisen
Bei der Braunen Wegameise oder Rossameisen im Gebälk ist Eile geboten. Da diese Arten oft versteckt leben und Bausubstanz schädigen, reicht Hausmittel-Einsatz oft nicht aus.
Eine Besonderheit bei der Braunen Wegameise ist, dass sie freie Flächen meidet und bevorzugt in Spalten läuft. Köder müssen daher direkt in die Laufwege oder in die Nähe der Auswurfstellen platziert werden[5]. Da die Nester oft tief im Holz liegen, kann eine Heißluftbehandlung durch Fachfirmen notwendig sein, um die Kolonie durch Hitze abzutöten, ohne Chemikalien im Wohnraum zu verteilen.
Umsiedlung statt Vernichtung
Nicht immer ist der Tod der Ameisen notwendig. Besonders bei geschützten Waldameisenarten oder Nestern im Garten, die lediglich stören, ist eine Umsiedlung die bessere Option.
Ein einfacher Trick für kleinere Nester im Blumentopf: Füllen Sie einen Tontopf mit Holzwolle oder Stroh und stülpen Sie ihn feucht und umgedreht direkt über das Nest. Ameisen lieben Wärme und Feuchtigkeit und werden oft mitsamt der Brut in den neuen Topf umziehen. Nach einigen Tagen können Sie den Topf samt Kolonie (und hoffentlich der Königin) vorsichtig aufnehmen und an einen weit entfernten Ort (mindestens 30 Meter) umsiedeln[1].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie lange dauert es, bis Ameisenköder wirken?
Das hängt vom Wirkstoff und der Größe der Kolonie ab. Da das Gift erst zur Königin gelangen muss, kann es zwischen 2 Wochen und 3 Monaten dauern, bis der Befall vollständig erloschen ist. Geduld ist essenziell. Erneuern Sie die Köder regelmäßig, solange sie angenommen werden[6].
Sind fliegende Ameisen eine eigene Art?
Nein. Fliegende Ameisen sind die geschlechtsreifen Männchen und Jungköniginnen fast aller Ameisenarten. Sie treten nur zur Paarungszeit (Hochzeitsflug) auf. Nach der Paarung sterben die Männchen, und die Königinnen werfen ihre Flügel ab, um neue Kolonien zu gründen[4].
Warum hilft Backpulver gegen Ameisen?
Backpulver (Natron) ist ein altes Hausmittel. Wenn Ameisen es fressen, verändert es den pH-Wert in ihrem Körper oder gast auf, was zum Tod führt. Allerdings ist diese Methode oft qualvoll für die Tiere und bekämpft selten die Königin, da das Pulver meist nicht bis ins Nest getragen wird. Moderne Fraßköder sind effektiver und zielgerichteter.
Können Ameisen Krankheiten übertragen?
Die meisten heimischen Arten (wie Lasius niger) gelten nicht als Krankheitsüberträger. Eine große Ausnahme ist die Pharaoameise. Sie liebt Wunden und sterile Verbände und kann in Krankenhäusern gefährliche Keime verbreiten[3].
Wann sollte ich einen Schädlingsbekämpfer rufen?
Professionelle Hilfe ist ratsam, wenn:
- Sie Pharaoameisen vermuten (klein, bernsteingelb).
- Holzmehl oder Styroporkrümel auf einen Befall der Bausubstanz hindeuten.
- Selbsthilfe-Maßnahmen über Wochen keinen Erfolg zeigen.
- Der Befall extrem massiv ist oder immer wiederkehrt.
Fazit
Ameisen im Haus sind ein lösbares Problem, wenn man systematisch vorgeht. Der Schlüssel liegt nicht im blinden Einsatz von Chemie, sondern im Verständnis der Biologie. Finden Sie heraus, welche Art Sie vor sich haben. Nutzen Sie die Spuren der Arbeiterinnen, um das Nest zu lokalisieren. Setzen Sie bei Lästlingen auf Vergrämung und Barrieren, bei hartnäckigen Nestgründern im Haus auf verzögerte Fraßköder. Und vor allem: Unterschätzen Sie niemals die Pharaoameise oder holzzerstörende Arten – hier ist der Fachmann oft die günstigere Lösung, bevor Bausubstanz oder Gesundheit leiden.
Quellen und Referenzen
- Bayerisches Landesamt für Umwelt (LfU), "Ameisen - UmweltWissen Praxis", 2013, S. 1-3
- Dietrich, C. & Steiner, E., "Das Leben unserer Ameisen – ein Überblick", Biologiezentrum Linz, Denisia 25, 2009, S. 9
- Sellenschlo, U., "Pharaoameise (Monomorium pharaonis)", Behr's Verlag, Schädlingsbekämpfung, S. 3-5
- Dietrich, C. & Steiner, E., "Das Leben unserer Ameisen – ein Überblick", Biologiezentrum Linz, Denisia 25, 2009, S. 11
- Felke, M. / Karg, G., "Ameisen - Biologie und Bekämpfung", Behr's Verlag, S. 27, 30
- Bayerisches Landesamt für Umwelt (LfU), "Ameisen - UmweltWissen Praxis", 2013, S. 3
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