Ameisen sind wahre Wunderwerke der Natur. Obwohl sie im Vergleich zu uns Menschen winzig sind, erreichen einige Arten ein Alter, das für Insekten schlichtweg phänomenal ist. Während eine Stubenfliege oft nur wenige Wochen lebt, können bestimmte Ameisenköniginnen Jahrzehnte überdauern und dabei Millionen von Nachkommen produzieren. Doch wie alt werden Ameisen genau? Die Antwort ist komplex, denn die Lebensspanne hängt massiv von der Kaste (Königin, Arbeiterin, Männchen) und der spezifischen Art ab. Für Hausbesitzer und Naturliebhaber ist dieses Wissen entscheidend: Wer Ameisen im Haus bekämpfen muss, sollte verstehen, dass der Tod einiger Arbeiterinnen das Problem nicht löst, wenn die langlebige Königin im Verborgenen weiterlebt. In diesem Artikel tauchen wir tief in die Biologie der Ameisen ein, basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Königinnen sind Rekordhalter: Sie können je nach Art zwischen wenigen Monaten und bis zu 30 oder sogar 40 Jahren alt werden.
- Arbeiterinnen leben kürzer: Die unfruchtbaren Weibchen leben meist einige Monate bis wenige Jahre.
- Männchen sterben schnell: Ihre einzige Aufgabe ist die Begattung; sie sterben oft wenige Stunden oder Tage nach dem Hochzeitsflug.
- Artunterschiede: Heimische Wegameisen (Lasius niger) leben deutlich länger als tropische Schädlinge wie die Pharaoameise.
- Bekämpfungsrelevanz: Da Königinnen extrem langlebig sind, müssen Bekämpfungsmaßnahmen immer das Nest und die Königin erreichen.
Das Kastenwesen: Wer lebt wie lange?
Ein Ameisenstaat ist ein hochkomplexer Superorganismus, in dem jedes Individuum eine spezifische Rolle spielt. Diese Arbeitsteilung spiegelt sich drastisch in der Lebenserwartung wider. Aus demselben genetischen Baukasten können Lebewesen entstehen, deren Lebensdauer sich um den Faktor 100 unterscheidet[1].
1. Die Königin: Das langlebige Herz der Kolonie
Die Königin ist das Zentrum des Ameisenstaates. Ihre primäre Aufgabe ist das Eierlegen. Um den Fortbestand der Kolonie über viele Jahre zu sichern, hat die Evolution sie mit einer enormen Langlebigkeit ausgestattet. Bei der heimischen Schwarzen Wegameise (Lasius niger) wurde in Gefangenschaft ein Rekordalter von 29 Jahren dokumentiert[2]. Andere Quellen und Experten wie die Evolutionsbiologin Prof. Susanne Foitzik sprechen sogar von möglichen Lebensspannen bis zu 40 Jahren bei bestimmten Arten[1]. Dies ist für Insekten dieser Größe absolut außergewöhnlich.
Die Königin speichert den Samenvorrat, den sie bei ihrem einzigen Hochzeitsflug erhalten hat, in einer speziellen Samentasche (Receptaculum seminis). Dieser Vorrat muss für ihr gesamtes Leben reichen, da sie sich in der Regel nie wieder paart[2]. Die Langlebigkeit der Königin ist der Grund, warum Ameisenbefall im Haus so hartnäckig sein kann: Solange die Königin lebt, produziert sie ständig Nachschub.
2. Die Arbeiterinnen: Das Rückgrat des Staates
Die Arbeiterinnen sind unfruchtbare Weibchen. Sie übernehmen alle Aufgaben im Nest: Brutpflege, Nestbau, Verteidigung und Nahrungssuche. Ihre Lebensdauer ist deutlich kürzer als die der Königin, aber immer noch beachtlich. In der Regel leben Arbeiterinnen einige Monate bis zu zwei oder drei Jahren[2].
Interessant ist hierbei die sogenannte Alterspolyethie (Arbeitsteilung nach Alter): Junge Arbeiterinnen sind oft im sicheren Nestinneren tätig ("Innendienst"), während ältere Arbeiterinnen die risikoreichen Aufgaben im Außenbereich übernehmen, wie die Nahrungssuche oder Verteidigung[1]. Da die Sterblichkeit im Außendienst durch Fressfeinde und Witterung hoch ist, ist es für die Kolonie ökonomisch sinnvoll, die "alten" Tiere diesen Gefahren auszusetzen.
3. Die Männchen: Ein kurzes Leben für die Genetik
Das Leben der männlichen Ameisen ist kurz und zweckgebunden. Sie werden oft treffend als "fliegende Spermienpakete" bezeichnet[1]. Männchen entstehen aus unbefruchteten Eiern und haben im Staat keine soziale Aufgabe wie Bauen oder Füttern. Sie werden nur zu bestimmten Jahreszeiten aufgezogen, um am Hochzeitsflug teilzunehmen. Unmittelbar nach der Paarung sterben sie – meist innerhalb weniger Stunden oder Tage. Ihr Lebenszyklus ist darauf optimiert, gute Augen und Flügel für das Finden einer Königin zu haben, aber keine Langlebigkeit[2].
Wichtig für die Bekämpfung
Wenn Sie im Sommer massenhaft geflügelte Ameisen sehen, handelt es sich um den Hochzeitsflug. Diese Tiere sterben (Männchen) oder verschwinden zur Gründung neuer Nester (Königinnen) von selbst. Der Einsatz von Insektenspray gegen diese Schwärme ist oft unnötig und bekämpft nicht die Ursache (das Nest im Boden oder in der Wand)[3].
Lebensdauer im Artenvergleich: Von Methusalem bis Eintagsfliege
Nicht alle Ameisen werden gleich alt. Die Artzugehörigkeit spielt eine entscheidende Rolle. Hier ein Vergleich wichtiger Arten, die in Deutschland und Europa vorkommen:
Lasius niger (Schwarzgraue Wegameise)
Dies ist die häufigste Ameise in deutschen Gärten und oft auch in Häusern. Sie ist der Rekordhalter unter den heimischen Arten.
Lebenserwartung Königin: Bis zu 29 Jahre (Laborbedingungen)[2].
Lebenserwartung Arbeiterin: 1 bis 3 Jahre.
Bedeutung: Ein einmal etabliertes Nest kann ein Haus über Jahrzehnte hinweg "belagern", wenn die Königin nicht entfernt wird.
Formica rufa (Rote Waldameise)
Diese geschützten Nützlinge bauen die bekannten großen Kuppelnester im Wald.
Lebenserwartung Königin: Bis zu 25 Jahre[2].
Lebenserwartung Arbeiterin: Selten länger als 2-3 Jahre.
Besonderheit: Waldameisen können ihre Körpertemperatur regulieren und sind extrem widerstandsfähig.
Monomorium pharaonis (Pharaoameise)
Diese winzige, bernsteingelbe Ameise ist ein gefürchteter Hygieneschädling in Krankenhäusern und beheizten Gebäuden. Sie stammt aus den Tropen.
Lebenserwartung Königin: Nur ca. 9 Monate[3].
Lebenserwartung Arbeiterin: Ca. 2 Monate (8 Wochen)[3].
Lebenserwartung Männchen: 2-3 Wochen.
Problem: Obwohl die Individuen kurz leben, ist die Kolonie fast unsterblich. Pharaoameisen bilden "Zweignester" (Sprossung). Eine Kolonie hat viele Königinnen (Polygynie). Stirbt eine, rücken andere nach. Bekämpfung ist hier extrem schwierig und erfordert spezielle Fraßköder, da Kontaktgifte zur Aufspaltung der Kolonie führen (Budding)[3].
Invasive Arten (z.B. Lasius neglectus)
Invasive Arten wie die Lasius neglectus (Invasive Gartenameise) breiten sich in Europa aus.
Besonderheit: Die Königinnen paaren sich oft direkt im Nest und fliegen nicht aus. Dadurch entstehen riesige Superkolonien mit vielen Königinnen, die theoretisch unbegrenzt existieren können, da ständig neue Königinnen die alten ersetzen[4].
Einflussfaktoren auf das Ameisenalter
Warum werden manche Ameisen so alt, während andere Insekten schnell sterben? Wissenschaftler haben verschiedene Faktoren identifiziert:
- Soziale Sicherheit: Königinnen leben extrem geschützt tief im Erdboden oder in sicherem Totholz. Sie sind keinen Fressfeinden ausgesetzt und werden von Arbeiterinnen gefüttert und gepflegt.
- Genetische Programmierung: Obwohl Arbeiterinnen und Königinnen genetisch identisch sein können (sie entwickeln sich beide aus befruchteten Eiern), werden durch unterschiedliche Fütterung im Larvenstadium unterschiedliche Gene aktiviert. Dies führt zu massiven physiologischen Unterschieden[1].
- Soziale Immunität: Ameisen betreiben aktive Gesundheitsvorsorge. Sie putzen sich gegenseitig und entfernen Pilzsporen. Kranke Tiere werden oft isoliert oder verlassen das Nest, um die Kolonie nicht zu gefährden. Bei invasiven Arten wie Lasius neglectus wird beobachtet, dass kranke Tiere und tote Nestgenossen effizient entsorgt werden, um Seuchen zu verhindern[4].
- Temperatur: In unseren Breiten halten Ameisen eine Winterruhe (von Oktober bis März). In dieser Zeit wird der Stoffwechsel auf ein Minimum reduziert, was die Lebensdauer physiologisch verlängert. Pharaoameisen in beheizten Häusern halten keine Winterruhe und "verbrauchen" sich schneller[3].
Der Entwicklungszyklus: Vom Ei zur Ameise
Bevor eine Ameise überhaupt "lebt" (als adultes Insekt), durchläuft sie eine vollständige Metamorphose. Diese Entwicklungszeit muss zur Lebensdauer hinzugerechnet werden, wenn man betrachtet, wie schnell eine Population wachsen kann.
Die Entwicklung verläuft in vier Stadien (Holometabolie):
Ei ➔ Larve ➔ Puppe ➔ Imago (erwachsene Ameise)
Die Dauer ist stark temperaturabhängig. Bei der Roten Waldameise (Formica rufa) dauert die Entwicklung vom Ei bis zur Ameise etwa 6 Wochen, wobei die Puppenruhe allein ca. 14 Tage beträgt[2]. Bei der Pharaoameise dauert die Entwicklung bei optimalen 27°C etwa 39 bis 45 Tage[3].
Praxis-Tipp: Geduld bei der Bekämpfung
Da sich im Nest immer Eier, Larven und Puppen befinden, die durch Sprays oft nicht erreicht werden, kommt es nach einer scheinbar erfolgreichen Bekämpfung oft zu einem "Wiederaufleben". Die Puppen schlüpfen nach 2 Wochen. Deshalb sind Fraßköder (Gele oder Granulate) meist effektiver: Die Arbeiterinnen tragen den Wirkstoff ins Nest und füttern damit die Larven und die Königin. Dies unterbricht den Zyklus nachhaltig[3].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Sterben Ameisen im Winter?
Nein, heimische Freilandameisen sterben nicht im Winter. Sie fallen in eine Kältestarre (Diapause). Sie ziehen sich tief in den Boden zurück, wo es frostfrei ist. Ihr Stoffwechsel fährt herunter, und sie zehren von Körperreserven. Erst im Frühjahr werden sie wieder aktiv. Arten, die im Haus leben (wie Pharaoameisen), sind auch im Winter aktiv, da sie Wärme benötigen[2].
Was passiert, wenn die Königin stirbt?
Bei monogynen Arten (Arten mit nur einer Königin, wie meist Lasius niger) ist der Tod der Königin das Ende der Kolonie. Die Arbeiterinnen leben noch einige Monate weiter, sterben aber nach und nach aus, da kein Nachwuchs mehr kommt. Bei polygynen Arten (viele Königinnen, z.B. Pharaoameisen oder invasive Gartenameisen) hat der Tod einer einzelnen Königin kaum Auswirkungen, da andere ihre Rolle übernehmen[3].
Können Arbeiterinnen Eier legen?
Ja, aber in der Regel sind diese Eier unbefruchtet. Da Ameisen eine haplodiploide Geschlechtsbestimmung haben, entstehen aus unbefruchteten Eiern immer Männchen. Arbeiterinnen können also keine neuen Arbeiterinnen oder Königinnen produzieren. In manchen Fällen dienen diese Eier auch nur als Futtereier ("trophische Eier") für die Königin oder Larven[2].
Wie lange dauert es, bis ein Ameisennest ausgewachsen ist?
Bei der Schwarzgrauen Wegameise (Lasius niger) dauert es etwa 3 bis 5 Jahre, bis eine Kolonie groß genug ist, um Geschlechtstiere (Jung-Königinnen und Männchen) zu produzieren. Erst dann ist die Kolonie "erwachsen" und voll reproduktionsfähig[3].
Fazit
Ameisen sind Überlebenskünstler. Während die einzelne Arbeiterin nur eine Saison oder wenige Jahre lebt, ist der Superorganismus "Ameisenkolonie" auf Langlebigkeit ausgelegt – gesteuert von einer Königin, die Jahrzehnte alt werden kann. Dieses Wissen ist nicht nur biologisch faszinierend, sondern auch essenziell für den Umgang mit Ameisen im häuslichen Umfeld.
Wer Ameisen langfristig vertreiben möchte, muss verstehen, dass kurzfristige Maßnahmen gegen sichtbare Arbeiterinnen oft wirkungslos bleiben. Geduld und Strategien, die auf die Biologie der Tiere abgestimmt sind (wie Köder, die ins Nest getragen werden), sind der Schlüssel zum Erfolg. Gleichzeitig sollten wir im Garten, wo Ameisen wichtige ökologische Funktionen erfüllen (Bodenlockerung, Verbreitung von Samen, Jagd auf Schädlinge), ihre Langlebigkeit respektieren und sie als nützliche Partner betrachten[5].
Quellen und Referenzen
- SWR2 Wissen: Aula - Ameisen – Welteroberer und Wunderwesen (Gespräch mit Prof. Susanne Foitzik), 2021.
- Dietrich, C. & Steiner, E.: Das Leben unserer Ameisen – ein Überblick. In: Denisia 25, zugleich Kataloge der oberösterreichischen Landesmuseen, Neue Serie 85, 2009, S. 7-36.
- Bayerisches Landesamt für Umwelt: UmweltWissen – Praxis: Ameisen (inkl. Pharaoameise und Bekämpfung), 2013.
- Cremer, S. et al.: Invasive Ameisen in Europa: Wie sie sich ausbreiten und die heimische Fauna verändern. Rundgespräche Forum Ökologie, Bd. 46, 2017.
- Fiala, B.: Partnerschaften von Pflanzen und Ameisen. Biologie in unserer Zeit / 21. Jahrg. 1991 / Nr. 5.
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