Es ist ein Paradoxon, das viele Hausbesitzer und Mieter jeden Sommer aufs Neue zur Verzweiflung treibt: Man meint es gut, öffnet an warmen Tagen die Kellerfenster, um frische Luft hereinzulassen und den muffigen Geruch zu vertreiben – und erreicht genau das Gegenteil. Statt trockener wird der Keller feuchter, die Wände beginnen zu „schwitzen“, und nicht selten bildet sich nach kurzer Zeit Schimmel. Dieses Phänomen, bekannt als Sommerkondensation, ist ein klassisches bauphysikalisches Problem, das sich nur mit dem Verständnis des Taupunkts lösen lässt. Wer seinen Keller dauerhaft trocken und schimmelfrei halten möchte, muss die Regeln der Taupunkt-Lüftung beherrschen. In diesem Artikel erfahren Sie wissenschaftlich fundiert, wie Feuchtigkeit im Keller entsteht, welche Gesundheitsrisiken von Schimmel ausgehen und wie Sie durch intelligente Lüftungsstrategien Bauschäden vermeiden.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Das Problem der Sommerkondensation: Warme Außenluft kühlt an kalten Kellerwänden ab, wodurch die relative Luftfeuchtigkeit steigt und Wasser kondensiert.
- Die 80%-Regel: Schimmelpilzwachstum beginnt nicht erst bei sichtbarem Wasser, sondern bereits bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von 80 % an der Bauteiloberfläche[1].
- Gesundheitsgefahr: Schimmelpilze wie Stachybotrys chartarum oder Aspergillus fumigatus können Allergien, toxische Reaktionen und Infektionen auslösen[2].
- Taupunkt-Lüftung: Lüften Sie nur, wenn die absolute Feuchtigkeit (bzw. der Taupunkt) der Außenluft niedriger ist als die der Kellerluft.
- Rechtliche Relevanz: Falsches Lüftungsverhalten kann Mietminderungen verhindern, während bauliche Mängel den Vermieter in die Pflicht nehmen[3].
Physikalische Grundlagen: Warum Keller feucht werden
Um die richtige Lüftungsstrategie zu verstehen, ist ein Ausflug in die Bauphysik unerlässlich. Das Kernproblem in Kellern ist der Temperaturunterschied zwischen der Außenluft (im Sommer) und den erdberührten Bauteilen (Wände und Boden). Erdreich hat ganzjährig eine relativ konstante Temperatur von etwa 10°C bis 12°C. Ungedämmte Kellerwände nehmen diese Temperatur an.
Das Prinzip des Taupunkts
Luft kann, abhängig von ihrer Temperatur, unterschiedlich viel Wasser speichern. Warme Luft nimmt wesentlich mehr Feuchtigkeit auf als kalte Luft. Wenn nun im Sommer warme, feuchte Außenluft (z.B. 25°C und 60% relative Luftfeuchte) in den kühlen Keller strömt und auf eine 12°C kalte Wand trifft, kühlt sich die Luft in Wandnähe schlagartig ab.
Da die abgekühlte Luft die Feuchtigkeit nicht mehr halten kann, steigt die relative Luftfeuchtigkeit auf 100% an, und der überschüssige Wasserdampf kondensiert zu flüssigem Wasser an der Wand. Dieser Punkt wird als Taupunkt bezeichnet. Doch Vorsicht: Schimmel benötigt kein flüssiges Wasser, um zu wachsen. Bereits ab einer relativen Luftfeuchtigkeit von 80% an der Materialoberfläche finden die meisten Schimmelpilzarten ideale Wachstumsbedingungen vor[1].
Warnung: Die Kapillarkondensation
Lange bevor sich sichtbare Wassertropfen bilden, findet in den feinen Poren (Kapillaren) von Baustoffen wie Putz oder Beton die sogenannte Kapillarkondensation statt. Dies geschieht oft schon bei einer relativen Luftfeuchtigkeit deutlich unter 100%. Für den Schimmelpilz ist dieses mikroskopisch kleine Wasserangebot völlig ausreichend, um auszukeimen[4].
Schimmelpilze: Biologie und Wachstumsfaktoren
Schimmelpilze sind ein natürlicher Teil unserer Umwelt. Ihre Sporen sind ubiquitär, das heißt, sie kommen überall in der Luft vor. Zum Problem werden sie erst, wenn sie im Innenraum Bedingungen vorfinden, die eine Koloniebildung ermöglichen. Gemäß den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und nationaler Gesundheitsämter ist Schimmelpilzwachstum in Innenräumen aus hygienischer Sicht nicht zu tolerieren und stellt ein Gesundheitsrisiko dar[2].
Wachstumsvoraussetzungen
Damit aus einer Spore ein Pilzgeflecht (Myzel) entsteht, müssen drei Faktoren zusammenkommen:
- Feuchtigkeit: Dies ist der wichtigste Faktor. Wie im WTA-Merkblatt E-6-3 dargelegt, gibt es für jede Pilzart spezifische Isoplethensysteme, die das Wachstum in Abhängigkeit von Temperatur und Feuchte beschreiben. Die unterste Grenze für Schimmelpilzwachstum im Bauwesen (LIM - Lowest Isopleth for Mould) liegt bei ca. 70% relativer Feuchte, wobei das Optimum für viele Arten zwischen 90% und 95% liegt[1].
- Temperatur: Schimmelpilze wachsen in einem weiten Temperaturbereich von 0°C bis 50°C. Die für Wohnräume typischen Temperaturen von 20°C bis 25°C stellen für die meisten Arten (Mesophile) das Optimum dar[1].
- Nährboden (Substrat): Schimmelpilze sind anspruchslos. Sie verwerten Zellulose (Tapeten, Kleister), Holz, aber auch organische Verschmutzungen auf an sich mineralischen Untergründen wie Beton oder Putz. Selbst Hausstaub auf einer feuchten Kellerwand reicht als Nährstoffquelle aus[2].
Kritische Schimmelpilzarten im Keller
Nicht alle Schimmelpilze sind gleich gefährlich. Die "Technische Regel für Biologische Arbeitsstoffe" (TRBA 460) klassifiziert Pilze in Risikogruppen. Für den Innenraum sind besonders folgende Arten relevant:
- Aspergillus fumigatus: Dieser Pilz ist als pathogen eingestuft (Risikogruppe 2) und kann schwere Infektionen der Atemwege (Aspergillose) verursachen, insbesondere bei immungeschwächten Personen[5].
- Stachybotrys chartarum: Dieser oft schwarz erscheinende Pilz benötigt sehr hohe Feuchtigkeit (wassergesättigte Materialien) und produziert starke Mykotoxine (Satratoxine), die Haut und Schleimhäute reizen und das Immunsystem schädigen können[2].
- Penicillium und Cladosporium: Diese Gattungen treten häufig auf und sind potente Allergene. Sie können Asthma und Rhinitis auslösen[2].
Gesundheitliche Risiken durch feuchte Keller
Ein feuchter Keller ist nicht nur ein kosmetisches Problem oder eine Gefahr für die Bausubstanz. Die gesundheitlichen Auswirkungen auf die Bewohner können gravierend sein, selbst wenn der Schimmel "nur" im Keller wächst, da Sporen durch Luftbewegung und den Kamineffekt in die Wohnräume gelangen können.
Allergien und Reizungen
Schimmelpilzbestandteile wirken als Allergene. Etwa 5% der Bevölkerung in Deutschland weisen eine Sensibilisierung gegen Schimmelpilze auf. Typische Symptome sind Fließschnupfen, Augenreizungen, Husten und Asthma. Die Dosis-Wirkungs-Beziehung ist komplex: Bei sensibilisierten Personen können bereits geringe Sporenkonzentrationen (z.B. 100 Sporen/m³ Luft bei Alternaria) allergische Reaktionen auslösen[2].
Toxische Wirkungen und MVOC
Neben Sporen geben Schimmelpilze auch mikrobielle flüchtige organische Verbindungen (MVOC) ab. Diese sind für den typischen "muffigen" Kellergeruch verantwortlich (z.B. Geosmin, 3-Methylfuran). MVOCs können Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schleimhautreizungen verursachen ("Sick-Building-Syndrom")[2]. Bestimmte Pilze produzieren zudem Mykotoxine, die bei Einatmen toxisch wirken können. Ein bekanntes Beispiel sind Aflatoxine von Aspergillus flavus, die als krebserregend gelten[2].
Die Lösung: Taupunktgesteuerte Lüftung
Wie lüftet man nun einen Keller richtig, um Feuchteschäden und Schimmel zu vermeiden? Die einfache Regel "Fenster auf im Sommer" ist, wie wir gesehen haben, falsch. Die Lösung liegt in der Messung der absoluten Feuchtigkeit.
Absolute vs. Relative Feuchtigkeit
Die relative Feuchtigkeit (in %) sagt nur aus, wie gesättigt die Luft bei einer bestimmten Temperatur ist. Die absolute Feuchtigkeit (in g/m³) gibt an, wie viel Gramm Wasser tatsächlich in einem Kubikmeter Luft enthalten sind. Für eine effektive Kellertrocknung gilt folgende goldene Regel:
Lüften Sie nur dann, wenn die absolute Feuchtigkeit (oder der Taupunkt) der Außenluft NIEDRIGER ist als die der Kellerluft.
Nur unter dieser Bedingung wird dem Keller Feuchtigkeit entzogen. Wenn Sie bei höherer absoluter Außenfeuchte lüften, tragen Sie aktiv Wasser in den Keller ein.
Praktische Umsetzung im Sommer und Winter
- Im Winter: Die kalte Außenluft enthält absolut gesehen sehr wenig Wasser, auch wenn es regnet oder schneit. Wenn diese Luft in den Keller kommt und sich aufwärmt, sinkt ihre relative Feuchte drastisch. Winter ist die beste Zeit zum Trockenlüften des Kellers.
- Im Sommer: Tagsüber ist die Außenluft meist viel zu feucht (hoher Taupunkt). Lüften Sie im Sommer ausschließlich in den kühlen Morgenstunden oder nachts, wenn die Außentemperaturen deutlich gesunken sind. An schwülen Tagen sollten die Kellerfenster konsequent geschlossen bleiben.
Tipp: Automatische Lüftungssysteme
Da es im Alltag schwierig ist, ständig Taupunkte zu vergleichen und Fenster manuell zu öffnen, empfehlen sich automatische Taupunkt-Lüftungssysteme. Diese Systeme messen permanent Temperatur und Feuchte innen und außen, berechnen den Taupunkt und steuern Ventilatoren so an, dass nur gelüftet wird, wenn eine Trocknung garantiert ist.
Bauliche Maßnahmen und Sanierung
Lüften allein reicht nicht immer aus, insbesondere wenn bauliche Mängel vorliegen oder der Keller bereits stark durchfeuchtet ist. Das WTA-Merkblatt E-6-3 empfiehlt, bei der Beurteilung von Schimmelpilzrisiken auch den Wärmeschutz zu berücksichtigen[1].
Innendämmung und Wärmebrücken
Kalte Wandecken (Wärmebrücken) sind Prädestinationsstellen für Kondensat. Eine fachgerechte Innendämmung kann die Oberflächentemperatur der Wand anheben und so das Risiko von Tauwasserbildung verringern. Allerdings muss hierbei bauphysikalisch korrekt gearbeitet werden (z.B. mit kapillaraktiven Dämmstoffen wie Calciumsilikat), um Schimmelbildung hinter der Dämmung zu vermeiden. Das WTA-Merkblatt warnt ausdrücklich vor unsachgemäßer Innendämmung ohne Feuchteschutznachweis[1].
Sanierung von Schimmelschäden
Ist der Schimmel erst einmal da, muss er fachgerecht entfernt werden. Das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg und das Umweltbundesamt haben hierfür klare Leitfäden erstellt:
- Kleine Schäden (< 0,5 m²): Können oft selbst beseitigt werden (z.B. mit 80%igem Ethylalkohol), sofern keine Allergie vorliegt. Staubschutzmaske und Handschuhe sind Pflicht[2].
- Große Schäden (> 0,5 m²): Gehören in die Hände von Fachfirmen. Hier müssen befallene Bereiche oft staubdicht abgeschottet werden, um eine Verteilung der Sporen im ganzen Haus zu verhindern. Poröse Materialien (Tapeten, Gipskarton) müssen meist entfernt werden, da das Myzel tief eindringt[2].
Rechtliche Aspekte: Wer haftet bei Schimmel im Keller?
Schimmel im Mietkeller führt oft zu Streitigkeiten zwischen Mieter und Vermieter. Die Rechtsprechung ist hier differenziert und betrachtet den Einzelfall. Grundsätzlich gilt: Der Vermieter muss eine baulich intakte Mietsache stellen, der Mieter muss durch angemessenes Wohnverhalten (Heizen und Lüften) Schäden vermeiden.
Mietminderung bei Schimmel
Gerichte haben in verschiedenen Fällen Mietminderungen zugesprochen, wenn der Schimmel auf bauliche Mängel zurückzuführen war. Beispiele aus der Rechtsprechung:
- 100% Minderung: Bei erheblicher gesundheitlicher Gefährdung (z.B. toxische Pilzarten) kann eine Wohnung unbewohnbar sein (AG Charlottenburg, Urteil v. 09.07.2007)[3].
- 10-20% Minderung: Bei Schimmelbefall in Kellerräumen oder Lagerräumen, der die Nutzbarkeit einschränkt (z.B. AG Steinfurt: 10% bei Schimmel an der Wand eines Abstellraums)[3].
- Keine Minderung (0%): Wenn der Schaden ausschließlich durch falsches Lüftungsverhalten des Mieters verursacht wurde (z.B. LG Lüneburg, Urteil vom 08.01.1987)[3].
Wichtig für Mieter: Wenn Sie Möbel im Keller lagern, sollten diese immer mit Abstand zur Außenwand (ca. 5-10 cm) aufgestellt werden, um die Luftzirkulation zu ermöglichen. Dies wird oft als Teil der Obhutspflicht angesehen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
1. Kann ich meinen Keller im Sommer gar nicht lüften?
Doch, aber nur zur richtigen Zeit. Die sicherste Zeit sind die kühlen Morgenstunden (ca. 4:00 bis 6:00 Uhr) oder sehr kühle Nächte. Sobald die Außentemperatur steigt, sollten die Fenster geschlossen werden. Ein Hygrometer hilft bei der Entscheidung.
2. Hilft Heizen im Keller gegen Schimmel?
Ja, Heizen erhöht die Aufnahmekapazität der Luft für Wasser und erhöht die Oberflächentemperatur der Wände, was das Risiko von Kondensation senkt. Allerdings ist das Heizen von ungedämmten Kellern energetisch sehr teuer. Eine Temperierung auf ca. 16°C kann jedoch in Kombination mit Lüftung sehr effektiv sein[1].
3. Was sind MVOCs und warum riecht mein Keller muffig?
MVOCs (Microbial Volatile Organic Compounds) sind flüchtige Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen und Bakterien. Sie verursachen den typischen erdigen, muffigen Geruch (z.B. durch Geosmin). Dieser Geruch ist ein starkes Indiz für versteckten Schimmelbefall, auch wenn noch keine Flecken sichtbar sind[2].
4. Reicht es, den Schimmel mit Essig abzuwaschen?
Nein. Essig ist auf vielen mineralischen Untergründen (wie Kalkputz) unwirksam, da er neutralisiert wird. Zudem kann Essig organische Nährstoffe liefern, die das Pilzwachstum später sogar fördern. Besser ist 70-80%iger Alkohol (Ethanol oder Isopropanol) bei kleinen Befallsflächen[2].
5. Sind schwarze Schimmelflecken immer gefährlich?
Die Farbe allein sagt wenig über die Gefährlichkeit aus. Allerdings gehören viele dunkle Pilze (Dematiaceae) wie Stachybotrys oder Alternaria zu den Arten, die gesundheitlich relevanter sein können. Eine genaue Bestimmung ist nur durch eine Laboranalyse möglich. Vorsicht ist bei jedem Schimmelbefall geboten[2].
Fazit
Die Trockenhaltung von Kellern erfordert ein Umdenken, besonders in den Sommermonaten. Die Intuition, warme Sommerluft hereinzulassen, führt physikalisch bedingt oft zu Feuchteschäden und Schimmelbildung. Durch das Verständnis des Taupunkts und die Anwendung der Regel "Lüften nur, wenn es draußen trockener ist als drinnen (absolute Feuchte)" können Sie Ihren Keller effektiv schützen. Dies bewahrt nicht nur die Bausubstanz, sondern schützt vor allem Ihre Gesundheit vor allergenen und toxischen Schimmelpilzsporen. Investieren Sie in Hygrometer oder eine automatische Lüftungssteuerung – es zahlt sich langfristig aus.
Quellen und Referenzen
- Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege e.V. (WTA), Merkblatt E-6-3: Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos, 2023.
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, Schimmelpilze in Innenräumen – Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement, 2004 (überarbeitet).
- Sammlung diverser Gerichtsurteile zu Mietmängeln (AG Charlottenburg, LG Berlin, LG Hamburg, u.a.) aus "Mietminderungstabelle Schimmel".
- Umweltbundesamt, Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden, 2017 (zitiert in WTA Merkblatt).
- TRBA 460: Einstufung von Pilzen in Risikogruppen, Ausschuss für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS), 2016.
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