Es riecht muffig, Sie fühlen sich in Ihren eigenen vier Wänden unwohl, leiden vielleicht unter unerklärlichen Kopfschmerzen oder Atemwegsbeschwerden – doch wenn Sie die Wände absuchen, ist weit und breit kein schwarzer Fleck zu sehen. Dieses Phänomen ist tückisch und leider weit verbreitet: Unsichtbarer Schimmel. Viele Bewohner wiegen sich in falscher Sicherheit, weil sie glauben, Schimmel müsse immer als hässlicher, pelziger Belag auf der Tapete sichtbar sein. Doch Schimmelpilze sind Überlebenskünstler. Sie wachsen hinter Schränken, unter dem Fußbodenbelag, in abgehängten Decken oder in der Dämmebene von Trockenbauwänden. In diesem umfassenden Ratgeber erfahren Sie, wie Sie den unsichtbaren Feind aufspüren, welche gesundheitlichen Risiken von ihm ausgehen und wie Sie ihn dauerhaft beseitigen können.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Versteckte Gefahr: Schimmel wächst oft im Verborgenen (Hohlräume, hinter Möbeln) und ist mit bloßem Auge nicht erkennbar.
- Warnsignale: Ein modrig-muffiger Geruch, verursacht durch mikrobielle flüchtige organische Verbindungen (MVOC), ist oft das erste Indiz.
- Gesundheitsrisiko: Auch unsichtbarer Schimmel setzt Sporen und Toxine frei, die Allergien, Atemwegserkrankungen und toxische Reaktionen auslösen können.
- Ursachen: Hauptursachen sind Feuchtigkeit durch bauliche Mängel (Wärmebrücken), Wasserschäden oder falsches Lüftungsverhalten.
- Nachweis: Spezialisierte Methoden wie MVOC-Messungen, Luftkeimsammlungen oder Schimmelspürhunde helfen bei der Lokalisierung.
- Handlungsbedarf: Bei Verdacht gilt das Minimierungsgebot – Schimmelquellen in Innenräumen müssen aus Vorsorgegründen beseitigt werden.
Was ist unsichtbarer Schimmel und wo versteckt er sich?
Wenn wir von "unsichtbarem Schimmel" sprechen, meinen wir in der Regel einen mikrobiellen Befall, der optisch nicht direkt wahrnehmbar ist, weil er sich in verdeckten Bereichen der Wohnungskonstruktion oder Einrichtung befindet. Pilze benötigen zum Wachsen vor allem Feuchtigkeit, Nährstoffe und eine geeignete Temperatur. Licht ist für das Wachstum von Schimmelpilzen nicht erforderlich[1]. Das bedeutet, dass dunkle Hohlräume ideale Brutstätten sein können, sofern dort Feuchtigkeit kondensiert oder eindringt.
Typische Verstecke für Schimmelpilze
Die Erfahrung aus zahlreichen bauphysikalischen Untersuchungen zeigt, dass bestimmte Konstruktionen besonders anfällig sind. Dazu gehören:
- Hinter großen Möbelstücken: Wenn Schränke zu nah an ungedämmten Außenwänden stehen, kann die Luft dort nicht zirkulieren. Die Wand kühlt aus, und Raumluftfeuchte kondensiert an der Tapete – ein idealer Nährboden.
- Fußbodenaufbauten: Unter Estrich, Laminat oder Teppichböden kann sich Feuchtigkeit stauen, insbesondere nach Wasserschäden oder bei aufsteigender Feuchte.
- Abgehängte Decken und Vorsatzschalen: In Trockenbauwänden oder hinter Holzpaneelen können sich durch Konvektion (Luftströmung) feuchte Raumluftmassen abkühlen und Tauwasser bilden.
- Dämmmaterialien: Mineralwolle oder Styropor in Dachschrägen, die nicht korrekt durch eine Dampfbremse geschützt sind.
Laut dem Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg ist bei verdecktem Schimmelbefall das Auffinden der Schadensbereiche oft erschwert, weshalb bei modrigem Geruch ohne sichtbaren Befall eine detaillierte Ursachenanalyse notwendig ist[2].
Die biologischen Grundlagen: Warum wächst er dort?
Um das Risiko von unsichtbarem Schimmel zu verstehen, muss man die Wachstumsbedingungen betrachten. Die Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege (WTA) definiert in ihren Merkblättern klare Grenzen. Entscheidend ist die sogenannte Wasseraktivität (aw-Wert) auf der Materialoberfläche oder im Porenraum. Schimmelpilze können bereits ab einer relativen Luftfeuchte von ca. 70% an der Materialoberfläche wachsen; bei 80% sind die Bedingungen für fast alle Arten ideal[1].
Interessant ist hierbei die Unterscheidung der Substrate. Die WTA teilt Baustoffe in Substratgruppen ein:
- Substratgruppe 0: Optimaler Nährboden (Vollmedien).
- Substratgruppe I: Biologisch gut verwertbare Substrate wie Tapeten, Gipskarton, verschmutzte Baustoffe.
- Substratgruppe II: Biologisch kaum verwertbare Substrate wie mineralische Baustoffe, Putze, Beton (sofern sauber)[1].
Das Problem in Wohnungen ist oft der Hausstaub. Selbst auf anorganischem Beton kann sich Schimmel bilden, wenn sich dort organischer Staub ablagert und genügend Feuchtigkeit vorhanden ist. In Hohlräumen sammelt sich oft über Jahre Staub an, der in Kombination mit einer Wärmebrücke (kalte Stelle an der Außenwand) zum unsichtbaren Biotop wird.
Gesundheitliche Gefahren durch verdeckten Schimmel
Viele Menschen glauben, dass Schimmel nur gefährlich ist, wenn man ihn berührt oder direkt einatmet. Doch auch verdeckter Schimmel steht im Stoffwechselaustausch mit der Raumluft. Er gibt nicht nur Sporen ab (die durch Ritzen und Fugen in den Wohnraum gelangen können), sondern auch Gase.
MVOC – Der chemische Fingerabdruck
Schimmelpilze produzieren während ihres Wachstums flüchtige organische Verbindungen, sogenannte MVOC (Microbial Volatile Organic Compounds). Zu diesen Stoffen gehören Alkohole, Ketone, Terpene und schwefelhaltige Verbindungen. Diese Stoffe sind für den typischen "muffigen" oder "erdigen" Geruch verantwortlich, den wir mit Schimmel assoziieren[2].
Das Tückische daran: Diese Gase diffundieren auch durch Tapeten, Bodenbeläge oder Steckdosen in den Raum. Sie können Schleimhautreizungen, Kopfschmerzen und Müdigkeit verursachen, noch bevor eine einzige Spore in der Luft nachweisbar ist. In höheren Konzentrationen weisen einige MVOC eine toxische Wirkung auf, auch wenn die in Innenräumen gemessenen Werte meist unterhalb der toxikologischen Schwellenwerte liegen[2]. Dennoch gilt: Der Geruch ist ein ernstzunehmendes Warnsignal.
Allergien und Sensibilisierung
Grundsätzlich sind alle Schimmelpilze geeignet, Allergien hervorzurufen. Es handelt sich dabei meist um Typ-I-Allergien (Soforttyp, z.B. Schnupfen, Asthma) oder Typ-III/IV-Allergien (verzögerte Reaktionen). Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 5% der Bevölkerung in Deutschland eine Sensibilisierung gegen Schimmelpilze aufweisen[2]. Besonders gefährdet sind Atopiker, also Menschen mit einer genetischen Neigung zu Überempfindlichkeitsreaktionen. Auch wenn der Schimmel unsichtbar ist, können Sporen durch Luftbewegungen (z.B. beim Türenschließen oder durch den "Pumpeffekt" bei schwimmend verlegten Estrichen) in die Atemluft gelangen.
Infektionsgefahr und Mykotoxine
Für gesunde Menschen ist die Infektionsgefahr gering. Anders sieht es bei immungeschwächten Personen aus (z.B. nach Transplantationen oder bei HIV). Hier können Pilze wie Aspergillus fumigatus schwere systemische Infektionen verursachen. Dieser Pilz ist in die Risikogruppe 2 eingestuft und gilt als fakultativ pathogen[3]. Ein weiterer gefürchteter Vertreter ist Stachybotrys chartarum. Dieser Pilz benötigt sehr viel Feuchtigkeit (z.B. nach Wasserschäden auf Gipskarton) und produziert starke Mykotoxine (Satratoxine), die Haut und Schleimhäute massiv reizen können[2].
Achtung bei Symptomen!
Wenn Sie unter chronischem Husten, ständigen Erkältungen, Augenreizungen oder Erschöpfung leiden und diese Symptome sich bessern, sobald Sie die Wohnung für längere Zeit verlassen (z.B. im Urlaub), ist dies ein starkes Indiz für eine wohnraumbezogene Belastung, möglicherweise durch versteckten Schimmel.
Detektivarbeit: Wie finde ich unsichtbaren Schimmel?
Da Sie den Befall nicht sehen können, müssen Sie andere Methoden nutzen. Hier ist eine Kombination aus Sinneswahrnehmung und Messtechnik gefragt.
1. Der Geruchstest
Ein erdig-muffiger Geruch ist oft das erste Anzeichen. Dieser Geruch stammt von den oben erwähnten MVOCs. Er tritt oft phasenweise auf, abhängig von Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Wenn es in einem Zimmer "nach Keller" riecht, obwohl gelüftet wurde, sollten die Alarmglocken schrillen.
2. Bauphysikalische Messungen
Bevor Wände geöffnet werden, sollten zerstörungsfreie Messungen erfolgen.
- Feuchtigkeitsmessung: Mit einem kapazitiven Feuchtemessgerät (Kugelkopf) können Sie Wände auf erhöhte Feuchtigkeit prüfen. Werte über 80 Digits (je nach Gerät) deuten auf Durchfeuchtung hin.
- Thermografie: Eine Wärmebildkamera macht Kältebrücken sichtbar. Dunkelblaue Stellen in den Ecken oder hinter Möbeln zeigen Bereiche an, wo die Wandtemperatur so niedrig ist, dass Tauwasser ausfallen kann.
3. Mikrobiologische Untersuchungen
Um Gewissheit zu erlangen, sind Laboranalysen notwendig.
- Luftkeimsammlung: Hierbei wird Luft auf einen Nährboden gesaugt. Dies ist der "Goldstandard" zur Bestimmung der Belastung der Atemluft. Wichtig ist immer eine Referenzmessung der Außenluft[2].
- MVOC-Messung: Diese spezialisierte Luftanalyse sucht gezielt nach den gasförmigen Stoffwechselprodukten. Sie kann Hinweise auf verdeckte Schäden geben, ist aber in der Bewertung komplex[2].
- Staubproben: Schimmelsporen sedimentieren im Hausstaub. Eine Analyse des Staubs kann Hinweise auf eine längerfristige Belastung geben, auch wenn gerade keine Sporen in der Luft fliegen (z.B. bei Stachybotrys, dessen Sporen schwer und klebrig sind)[2].
- Sedimentationsplatten (Selbsttests): Diese "Do-it-yourself"-Tests, bei denen offene Nährböden aufgestellt werden, sind laut Umweltbundesamt und LGA Baden-Württemberg nur bedingt aussagekräftig, da sie stark von der Luftbewegung abhängen und schwere Sporen überbewerten, während kleine, lungengängige Sporen oft nicht sedimentieren[2]. Sie können jedoch als erster grober Indikator dienen.
4. Schimmelspürhunde
Speziell ausgebildete Hunde können Schimmelgeruch (MVOC) auch durch Wände hindurch riechen. Sie können helfen, den Befallsort zentimetergenau einzugrenzen, ohne dass Bauteile geöffnet werden müssen. Allerdings erkennen sie "nur" den Geruch, der Sachverständige muss anschließend prüfen, ob es sich tatsächlich um Schimmel handelt[2].
Sanierung: Was tun bei verdecktem Befall?
Wurde der Verdacht bestätigt und die Stelle lokalisiert, muss gehandelt werden. Das Umweltbundesamt und das LGA Baden-Württemberg stellen klar: Schimmelpilzquellen im Innenraum sind aus Vorsorgegründen zu beseitigen[2]. Ein einfaches "Überstreichen" oder das Aufstellen von Luftreinigern reicht bei verdecktem Befall nicht aus, da die Ursache (die Feuchtigkeitsquelle) und die Biomasse in der Konstruktion verbleiben.
Schritt 1: Ursachenbeseitigung
Bevor saniert wird, muss die Feuchtigkeitsquelle abgestellt werden. Ist es ein Rohrbruch? Eine undichte Fuge in der Dusche? Oder Kondensation durch eine Wärmebrücke? Ohne Trockenlegung kommt der Schimmel zwangsläufig wieder. Die WTA weist darauf hin, dass bei Wärmebrücken oft bauphysikalische Maßnahmen (Dämmung) notwendig sind, um die Wandoberflächentemperatur anzuheben[1].
Schritt 2: Fachgerechte Entfernung
Bei verdecktem Schimmel muss die Konstruktion in der Regel geöffnet werden. Das birgt ein hohes Risiko: Beim Öffnen von Hohlräumen können schlagartig Millionen von Sporen freigesetzt werden und die gesamte Wohnung kontaminieren. Daher gelten strenge Arbeitsschutzregeln:
- Abschottung: Der Sanierungsbereich muss staubdicht vom Rest der Wohnung abgetrennt werden (Schwarz-Weiß-Bereich).
- Unterdruck: Professionelle Sanierer arbeiten mit Unterdruckhaltegeräten und HEPA-Filtern, damit keine Sporen nach außen dringen.
- Schutzkleidung: P3-Atemschutzmaske, Schutzbrille und Einwegoverall sind Pflicht[2].
Befallene poröse Materialien (Gipskarton, Tapeten, Dämmwolle) können nicht gereinigt werden und müssen entfernt werden. Massives Mauerwerk kann oft oberflächlich abgefräst oder mit Desinfektionsmitteln (z.B. 80% Ethanol oder Wasserstoffperoxid) behandelt werden[2].
Wann muss der Profi ran?
Das Umweltbundesamt empfiehlt: Schäden über 0,5 m² sowie alle verdeckten Schäden (in Hohlräumen, Bodenaufbauten) sollten von Fachfirmen saniert werden. Das Risiko einer massiven Sporenverteilung bei unsachgemäßer Öffnung ist zu groß.
Rechtliche Aspekte: Mietminderung
Schimmel ist einer der häufigsten Streitpunkte im Mietrecht. Ist der Schimmel baulich bedingt (z.B. Wärmebrücken, Wasserschaden), ist der Vermieter in der Pflicht. Ist er durch falsches Lüften entstanden, haftet oft der Mieter. Bei verdecktem Schimmel liegt die Ursache jedoch sehr häufig in der Bausubstanz (undichtes Dach, Leckage, Baumangel). Die Rechtsprechung gesteht Mietern bei erheblicher Schimmelbelastung deutliche Mietminderungen zu. So urteilte das LG Berlin bei erheblicher Durchfeuchtung und Schimmelbefall auf 80% Minderung[4]. Bei konkreter Gesundheitsgefährdung (z.B. toxische Sporen) sind sogar bis zu 100% möglich (AG Charlottenburg)[4]. Wichtig: Dies sind Einzelfallentscheidungen. Eine Rechtsberatung ist unerlässlich.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Kann ich unsichtbaren Schimmel einfach mit einem Ozongenerator abtöten?
Nein, das wird nicht empfohlen. Ozon tötet zwar Pilze ab, aber die Allergene und Toxine bleiben auch in den toten Sporen erhalten. Zudem kann Ozon mit Materialien reagieren und neue Schadstoffe bilden. Die Biomasse muss physisch entfernt werden.
Helfen Luftreiniger gegen verdeckten Schimmel?
Luftreiniger mit HEPA-Filtern können die Sporenlast in der Luft reduzieren und so Symptome lindern. Sie lösen aber nicht das Problem, da die Quelle in der Wand weiter wächst und ständig neue Sporen und Gase (MVOC) nachliefert.
Ist jeder Schimmelpilz gefährlich?
Nicht jeder Schimmelpilz macht sofort krank, aber jeder Schimmelpilzbefall im Innenraum ist ein hygienisches Problem. Besonders Arten wie Aspergillus fumigatus (infektiös) oder Stachybotrys (toxisch) gelten als risikoreich und gehören in die Risikogruppe 2 oder höher[3]. Für Allergiker sind auch "normale" Schimmelpilze problematisch.
Wie schnell muss saniert werden?
Das hängt von der Nutzung und dem Befall ab. In Schlafräumen oder Kinderzimmern ist eine Sanierung dringlicher als im Keller. Bei Nachweis von toxinbildenden Arten oder bei Gesundheitsbeschwerden sollte unverzüglich gehandelt werden (Kategorie 3 Schaden laut LGA Leitfaden)[2].
Kann ich selbst testen, ob ich unsichtbaren Schimmel habe?
Es gibt Selbsttests für Schimmelsporen. Diese liefern einen ersten Anhaltspunkt. Bei einem konkreten Verdacht auf verdeckten Schimmel (z.B. durch Geruch) ist jedoch oft eine professionelle Analyse (MVOC, Materialproben) durch einen Sachverständigen notwendig, um die Quelle zu finden.
Fazit
Unsichtbarer Schimmel ist ein ernstzunehmendes Risiko für die Wohngesundheit und die Bausubstanz. Er wächst im Verborgenen, verrät sich aber oft durch Geruch oder gesundheitliche Beschwerden der Bewohner. Ignorieren ist keine Lösung, denn von allein verschwindet das Problem nicht – im Gegenteil, es breitet sich meist weiter aus. Nehmen Sie modrige Gerüche ernst und ziehen Sie bei Verdacht einen Experten hinzu. Eine fachgerechte Sanierung stellt nicht nur den Wert Ihrer Immobilie sicher, sondern schützt vor allem das Wichtigste: Ihre Gesundheit.
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