Ein modriger, erdiger Geruch liegt in der Luft, sobald Sie die Wohnungstür öffnen oder einen bestimmten Raum betreten. Oft ist dies das erste Warnsignal, noch bevor schwarze Flecken an der Wand sichtbar werden. Schimmelgeruch ist nicht nur ein ästhetisches Problem, das das Wohlbefinden massiv beeinträchtigt, sondern ein direkter Indikator für mikrobielle Aktivitäten in Ihrem Zuhause. Viele Hausmittel und Raumsprays versprechen schnelle Abhilfe, doch sie überdecken meist nur das Symptom, ohne die Ursache zu bekämpfen. Um den Geruch dauerhaft zu neutralisieren, müssen wir verstehen, was ihn verursacht: Es sind flüchtige organische Verbindungen (MVOC), die von Pilzen während ihres Stoffwechsels abgegeben werden. In diesem Artikel erfahren Sie fundiert und praxisnah, wie Sie diese Gerüche nicht nur kurzfristig binden, sondern die Quelle nachhaltig beseitigen und Ihre Raumluft wieder gesund und frisch machen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Ursache MVOC: Der typische Schimmelgeruch entsteht durch mikrobielle flüchtige organische Verbindungen (Microbial Volatile Organic Compounds), die Stoffwechselprodukte der Pilze sind.
- Gesundheitsrisiko: Der Geruch allein kann bereits zu Reizungen der Schleimhäute, Kopfschmerzen und Müdigkeit führen, selbst wenn noch keine Sporen in massiver Konzentration in der Luft sind.
- Keine Maskierung: Duftkerzen oder Raumsprays überdecken das Problem nur temporär. Eine dauerhafte Neutralisierung erfordert die Entfernung der Biomasse (des Schimmels).
- Sofortmaßnahmen: Intensives Lüften (Querlüftung) und die Reduktion der Luftfeuchtigkeit sind erste Schritte, um die Konzentration der Geruchsstoffe zu senken.
- Sanierung: Poröse Materialien (Tapeten, Gipskarton) müssen bei Befall meist entfernt werden; glatte Oberflächen können desinfiziert werden.
Was ist Schimmelgeruch eigentlich?
Wenn wir von "Schimmelgeruch" sprechen, meinen wir in der Regel einen muffigen, fauligen oder erdigen Duft. Wissenschaftlich betrachtet handelt es sich dabei um sogenannte MVOC (Microbial Volatile Organic Compounds). Das sind flüchtige organische Verbindungen, die von Schimmelpilzen und Bakterien als Stoffwechselprodukte in die Raumluft abgegeben werden[1]. Diese Gase haben einen sehr niedrigen Siedepunkt und verdampfen daher bereits bei Zimmertemperatur, was dazu führt, dass wir sie riechen können.
Interessanterweise ist das Spektrum dieser Gerüche sehr vielfältig. Während Verbindungen wie Geosmin für den typisch erdigen Geruch (ähnlich wie Waldboden nach Regen) verantwortlich sind, erzeugen andere Stoffe wie 1-Octen-3-ol einen pilzartigen Geruch, der an Champignons erinnert[1]. Manche MVOCs riechen sogar chemisch, klebstoffartig oder fruchtig, was die Identifikation für den Laien oft erschwert. Das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg weist darauf hin, dass diese Stoffe Indikatoren für einen verdeckten Schaden sein können, selbst wenn an den Wänden noch nichts sichtbar ist[1].
Achtung: Gesundheitsgefahr durch Geruch
Oft wird angenommen, dass nur die Sporen gefährlich sind. Doch auch die MVOCs selbst können gesundheitliche Beschwerden auslösen. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen MVOC-Belastungen und Reizungen der Augen und Atemwege, Kopfschmerzen sowie Konzentrationsstörungen[2]. Wenn es muffig riecht, ist Ihr Körper bereits chemischen Reizen ausgesetzt.
Erste Hilfe: Den Geruch kurzfristig reduzieren
Bevor die eigentliche Sanierung beginnt, ist es oft notwendig, die Wohnsituation erträglicher zu machen. Hierbei geht es primär um die Verdünnung der belasteten Luft und die Reduktion der Feuchtigkeit, die das Ausgasen der MVOCs fördert.
1. Richtiges Lüften (Querlüftung)
Die effektivste Sofortmaßnahme ist der Luftaustausch. Da MVOCs Gase sind, lassen sie sich durch intensives Lüften aus dem Raum transportieren. Kipplüftung reicht hierbei nicht aus. Öffnen Sie gegenüberliegende Fenster weit, um einen Durchzug zu erzeugen (Querlüftung). Dies sollte mehrmals täglich für 5 bis 10 Minuten geschehen. Durch den Luftwechsel wird nicht nur der Geruch verdünnt, sondern auch die Luftfeuchtigkeit gesenkt, was das weitere Pilzwachstum bremst. Laut Umweltbundesamt ist das Entfernen der Feuchte die wichtigste präventive Maßnahme[3].
2. Luftreiniger mit HEPA- und Aktivkohlefilter
Herkömmliche Luftreiniger filtern oft nur Partikel. Um Gerüche (Gase) zu neutralisieren, benötigen Sie ein Gerät mit einem großzügigen Aktivkohlefilter. Aktivkohle hat eine enorm große Oberfläche und kann organische Verbindungen wie MVOCs adsorbieren. Ein vorgeschalteter HEPA-Filter sorgt dafür, dass gleichzeitig Schimmelsporen aus der Luft gefiltert werden, was die allergene Belastung senkt. Beachten Sie jedoch, dass dies keine Dauerlösung ist, solange die Quelle existiert.
3. Hausmittel zur Geruchsbindung
Einige Hausmittel können helfen, Gerüche oberflächlich zu binden, auch wenn sie den Schimmel nicht töten:
- Kaffeepulver: Frisch gemahlener Kaffee hat eine große Oberfläche und kann Geruchsmoleküle binden. Stellen Sie Schalen mit Kaffeepulver im betroffenen Raum auf.
- Essig (nur in Schalen!): Eine Schale mit Essigwasser kann Gerüche neutralisieren. Wichtig: Verwenden Sie Essig niemals direkt auf der Wand zur Schimmelbekämpfung, da er auf kalkhaltigen Untergründen (Putz) neutralisiert wird und durch organische Rückstände sogar als Nährboden für den Pilz dienen kann[3].
Die Ursache bekämpfen: Nur Entfernen hilft dauerhaft
Den Geruch zu maskieren, ist wie ein Pflaster auf einen Knochenbruch zu kleben. Um den Schimmelgeruch endgültig loszuwerden, müssen Sie die Quelle – den Pilz und seine Nährstoffbasis – entfernen. Die Vorgehensweise hängt stark vom befallenen Material ab.
Glatte vs. poröse Oberflächen
Bei der Sanierung unterscheidet man grundsätzlich zwischen glatten, geschlossenen Oberflächen (Metall, Glas, Keramik, lackiertes Holz) und porösen Materialien (Tapete, Putz, Gipskarton, Textilien). Laut dem Leitfaden des Umweltbundesamtes können glatte Flächen meist gereinigt und desinfiziert werden[3]. Poröse Materialien hingegen, in die das Myzel (das Wurzelgeflecht des Pilzes) eingedrungen ist, lassen sich nicht oberflächlich reinigen. Sie müssen entfernt werden.
Praxis-Tipp: Die 70%-Alkohol-Regel
Für die Desinfektion von glatten Flächen empfiehlt das Umweltbundesamt 70- bis 80-prozentigen Alkohol (Ethanol oder Isopropanol)[3]. Dieser wirkt fungizid und verdunstet rückstandsfrei. Tragen Sie ihn satt auf, lassen Sie ihn einwirken und wischen Sie die Fläche ab. Achten Sie dabei auf gute Lüftung und vermeiden Sie offenes Feuer (Explosionsgefahr).
Versteckter Schimmel als Geruchsquelle
Oft riecht es modrig, aber es ist nichts zu sehen. In diesem Fall liegt meist ein verdeckter Schaden vor. Typische Orte sind:
- Hinter großen Schränken an Außenwänden (fehlende Luftzirkulation führt zu Kondenswasser).
- Unter Fußbodenbelägen oder Estrich.
- Hinter Gipskartonvorsatzschalen oder Holzvertäfelungen.
- In Hohlräumen von abgehängten Decken.
Die WTA (Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege) beschreibt in ihren Merkblättern, dass das Wachstum von Schimmelpilzen maßgeblich von der Temperatur und der Feuchteverfügbarkeit (Wasseraktivität) auf der Bauteiloberfläche abhängt[4]. In kühlen Ecken hinter Möbeln steigt die relative Luftfeuchte an der Wandoberfläche oft über den kritischen Wert von 80%, was ideales Wachstumsklima schafft, auch wenn die Raumluft trocken scheint[4]. Um solche versteckten Quellen zu finden, können MVOC-Messungen oder Schimmelspürhunde helfen[1].
Maßnahmen gegen den Geruch in Textilien und Möbeln
Textilien nehmen MVOCs sehr stark an. Ein Sofa oder Teppich, der lange in einem schimmelbelasteten Raum stand, kann auch nach der Wandsanierung noch monatelang riechen.
- Waschbare Textilien: Kleidung, Vorhänge und abnehmbare Bezüge sollten so heiß wie möglich (laut Pflegeetikett) gewaschen werden. Die Zugabe von Hygienespüler kann helfen, Pilzsporen abzutöten.
- Polstermöbel: Hier ist die Sanierung schwierig. Sitzt der Schimmel tief im Polster, ist eine Reinigung oft unmöglich und das Möbelstück muss entsorgt werden[3]. Bei rein oberflächlicher Geruchsannahme (ohne Befall) kann eine professionelle Ozonbehandlung in einer Klimakammer (durch Fachfirmen) helfen.
- Matratzen: Bei Schimmelbefall oder starkem Geruch sollten Matratzen aus gesundheitlichen Gründen immer entsorgt werden, da eine porentiefe Reinigung nicht gewährleistet werden kann.
Ozonbehandlung: Wundermittel oder Risiko?
Oft wird bei hartnäckigem Schimmelgeruch der Einsatz von Ozongeneratoren empfohlen. Ozon (O3) ist ein hochreaktives Gas, das Geruchsmoleküle aufspaltet und Pilzsporen abtöten kann. Doch Vorsicht ist geboten.
Das Umweltbundesamt und Berufsgenossenschaften warnen vor dem unbedachten Einsatz von Ozon im Wohnbereich. Ozon ist reizend für die Atemwege und kann mit anderen Stoffen in der Raumluft zu schädlichen Nebenprodukten (sekundäre Aerosole, Formaldehyd) reagieren[3]. Zudem beseitigt Ozon oft nur den Geruch an der Oberfläche, dringt aber nicht tief genug in feuchtes Mauerwerk ein, um das Myzel abzutöten. Eine Ozonbehandlung sollte daher – wenn überhaupt – nur von Fachfirmen als abschließende Maßnahme nach einer vollständigen mechanischen Entfernung des Schimmels durchgeführt werden.
Prävention: Damit der Geruch nicht wiederkommt
Nachdem der Geruch neutralisiert und die Quelle beseitigt ist, gilt es, einen Rückfall zu vermeiden. Die Kontrolle der Feuchtigkeit ist hierbei der Schlüssel.
Feuchtigkeitsmanagement
Schimmel benötigt Feuchtigkeit zum Wachsen. Die WTA gibt an, dass bereits ab einer relativen Luftfeuchte von 80% an der Bauteiloberfläche Schimmelwachstum möglich ist, bei einigen Arten (xerophile Pilze) sogar schon ab 70%[5]. Um dies zu verhindern, sollte die relative Luftfeuchtigkeit im Raum dauerhaft unter 60% gehalten werden.
Heizen und Lüften
Kalte Luft kann weniger Feuchtigkeit aufnehmen als warme. Wenn warme Raumluft auf kalte Außenwände trifft, kühlt sie ab, die relative Feuchte steigt direkt an der Wand an, und es kann zu Kondensation kommen. Deshalb ist ausreichendes Heizen auch in ungenutzten Räumen wichtig. Die Temperaturdifferenz zwischen genutzten und ungenutzten Räumen sollte nicht zu groß sein.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Kann ich Schimmelgeruch einfach mit Farbe überstreichen?
Nein. Es gibt zwar spezielle Absperrfarben, aber wenn der Schimmel darunter noch lebt oder Feuchtigkeit nachkommt, wird der Geruch wieder durchdringen oder der Putz wird sich ablösen. Die Ursache muss vor dem Streichen beseitigt sein.
Ist der Geruch selbst giftig?
Die MVOCs, die den Geruch verursachen, können Reizungen und unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen auslösen. Sie sind ein Indikator für eine mikrobielle Belastung, die in ihrer Gesamtheit (Sporen, Toxine, Zellbestandteile) gesundheitsgefährdend sein kann[2].
Hilft Chlorreiniger gegen den Geruch?
Chlorreiniger (Natriumhypochlorit) wirken bleichend und desinfizierend. Sie beseitigen den Geruch kurzfristig durch Oxidation. Allerdings sind die Dämpfe selbst gesundheitsschädlich (Reizung der Atemwege) und belasten die Innenraumluft. Alkohol (70%) ist meist die verträglichere Alternative für glatte Flächen[3].
Wann muss ich einen Fachmann rufen?
Das Umweltbundesamt empfiehlt, Schäden, die größer als 0,5 m² sind, von Fachfirmen sanieren zu lassen[3]. Auch wenn der Geruch stark ist, aber keine Quelle gefunden wird, sollten Experten für Bauphysik und Biologie hinzugezogen werden, um versteckte Schäden zu lokalisieren.
Welche Schimmelarten stinken am schlimmsten?
Verschiedene Arten produzieren unterschiedliche MVOC-Cocktails. Aspergillus versicolor beispielsweise produziert oft Geosmin (erdig), während Trichoderma viride einen kokosartigen Geruch verströmen kann. Stachybotrys chartarum, ein besonders kritischer Feuchteschaden-Indikator, ist bekannt für seinen muffigen Geruch, setzt aber Sporen oft erst frei, wenn er trocknet oder mechanisch gestört wird[1].
Fazit
Schimmelgeruch ist ein ernstzunehmendes Warnsignal Ihres Hauses. Ihn zu neutralisieren bedeutet nicht, ihn mit Duftspray zu übertünchen, sondern die biologische Quelle auszutrocknen und zu entfernen. Während kurzfristige Maßnahmen wie HEPA-Luftreiniger und intensives Lüften Erleichterung verschaffen, führt kein Weg an einer gründlichen Ursachenanalyse vorbei. Handeln Sie zügig, denn je länger der Befall besteht, desto tiefer dringen die Geruchsstoffe in Möbel und Bausubstanz ein. Beginnen Sie heute mit einer Bestandsaufnahme: Woher kommt die Feuchtigkeit? Wo könnte der Herd liegen? Ihre Gesundheit und Ihre Nase werden es Ihnen danken.
Quellen und Referenzen
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, Schimmelpilze in Innenräumen – Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement, 2004 (Kapitel 3.2 Charakteristische flüchtige Stoffwechselprodukte / MVOC).
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, Schimmelpilze in Innenräumen, 2004 (Kapitel 3.3.2.1 Toxisch-irritative Wirkungen).
- Umweltbundesamt (UBA), Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden, 2017.
- WTA Merkblatt E-6-3, Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos, 2023 (Kapitel 3 Physikalische und biologische Grundlagen).
- WTA Merkblatt E-6-3, Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos, 2023 (Kapitel 3.2.1 Feuchte und Wasseraktivität).
- WTA Merkblatt E-6-3, Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos, 2023 (Kapitel 3.2.3 Kombination von Temperatur und Feuchte).
- TRBA 460, Einstufung von Pilzen in Risikogruppen, Ausschuss für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS), Ausgabe Juli 2016 (Änderung 2023).
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