Schimmel in der Wohnung ist weit mehr als nur ein optisches Ärgernis an der Tapete oder in der Silikonfuge. Er ist ein komplexes biologisches Phänomen, das bei Nichtbeachtung ernsthafte gesundheitliche Konsequenzen haben kann und oft auf tiefgreifende bauliche Mängel oder falsches Lüftungsverhalten hinweist. Wer glaubt, "Schimmel sei gleich Schimmel", irrt gewaltig. Die Welt der Pilze ist riesig: Über 100.000 Arten sind bekannt, und etliche davon finden in unseren Wohnräumen ideale Lebensbedingungen vor. Um effektiv gegen den Befall vorzugehen und die Gesundheitsrisiken korrekt einzuschätzen, ist es essenziell, die verschiedenen Schimmelarten unterscheiden zu können. Dieser Artikel bietet Ihnen einen tiefgehenden, wissenschaftlich fundierten Überblick über die häufigsten Schimmelpilzarten, ihre spezifischen Merkmale, Gefahrenpotenziale und die notwendigen Sanierungsschritte.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Vielfalt: Nicht jeder schwarze Belag ist der gefürchtete "Schwarze Schimmel". Die Bestimmung erfolgt oft erst sicher im Labor.
- Feuchtigkeit als Hauptursache: Alle Schimmelarten benötigen Feuchtigkeit. Ab einer relativen Luftfeuchte von 60-70% wächst das Risiko exponentiell.
- Gesundheitsrisiko: Von allergischen Reaktionen über Asthma bis hin zu toxischen Wirkungen durch Mykotoxine variiert die Gefahr je nach Pilzart erheblich.
- Handeln: Kleine Flächen (< 0,5 m²) können oft selbst gereinigt werden; größerer Befall gehört in die Hände von Fachleuten.
- Prävention: Richtiges Lüften und Heizen sowie die Beseitigung von Wärmebrücken sind der effektivste Schutz.
Grundlagen: Was ist Schimmel eigentlich?
Schimmelpilze gehören biologisch weder zu den Pflanzen noch zu den Tieren. Sie bilden ein eigenes Reich. In Innenräumen treten sie meist als Fadenpilze auf, die ein für das bloße Auge unsichtbares Geflecht, das sogenannte Myzel, bilden. Was wir als "Schimmelfleck" wahrnehmen, sind lediglich die Sporenträger, die der Fortpflanzung dienen. Diese Sporen sind allgegenwärtig in der Luft. Laut dem Umweltbundesamt wird Schimmel erst dann zum Problem, wenn die Sporen in Innenräumen auf feuchte Oberflächen treffen und dort auskeimen[1].
Für das Wachstum benötigen Schimmelpilze drei Hauptfaktoren: Feuchtigkeit, Nährstoffe (wie Zellulose in Tapeten, Holz oder Staub) und eine geeignete Temperatur. Da unsere Wohnraumtemperaturen für die meisten Pilze ideal sind, ist die Feuchtigkeit der limitierende Faktor, den wir kontrollieren können.
Einteilung nach Farben: Der visuelle erste Eindruck
In der Praxis werden Schimmelpilze oft zunächst nach ihrer Farbe kategorisiert. Dies ist wissenschaftlich zwar ungenau, da eine Spezies verschiedene Farben annehmen kann und verschiedene Spezies gleich aussehen können, aber es dient als erste Orientierung für Betroffene.
1. Schwarzer Schimmel (Der Gefürchtete)
Schwarzer Schimmel ist der Begriff, der bei Mietern und Hausbesitzern die größte Panik auslöst. Oft verbirgt sich dahinter der Pilz Aspergillus niger (Gießkannenschimmel), der extrem widerstandsfähig ist. Er findet sich häufig in Feuchträumen wie Badezimmern, auf Fugen oder an kondensatbelasteten Wänden.
Noch problematischer, wenn auch seltener, ist Stachybotrys chartarum. Dieser Pilz benötigt sehr hohe Feuchtigkeit (oft nach Wasserschäden) und produziert starke Mykotoxine (Satratoxine), die über die Luft eingeatmet werden können. Das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg weist darauf hin, dass Stachybotrys im Gegensatz zu anderen Arten seine Sporen nicht leichtfertig in die Luft abgibt, sondern diese oft im schleimigen Belag gebunden bleiben, bis sie trocknen und aufgewirbelt werden[3].
2. Grüner Schimmel
Grüner Schimmel ist wohl die häufigste Variante, die wir auf Lebensmitteln finden, aber auch an Wänden ist er keine Seltenheit. Meist handelt es sich hierbei um Arten der Gattung Aspergillus (z.B. Aspergillus fumigatus) oder Penicillium.
Aspergillus fumigatus ist besonders relevant für immungeschwächte Personen, da er Infektionen der Lunge (Aspergillosen) auslösen kann[2]. Grüner Schimmel bildet oft einen flauschigen Belag. Er gilt zwar oft als weniger aggressiv als der "echte" schwarze Schimmel (Stachybotrys), ist aber aufgrund seiner hohen Sporenflugrate ein potenziell starkes Allergen.
3. Weißer Schimmel
Weißer Schimmel ist tückisch, da er auf hellen Wänden oder Putz oft lange übersehen wird. Wenn er entdeckt wird, ist der Befall oft schon weit fortgeschritten. Später kann er sich dunkel verfärben.
Verwechslungsgefahr: Oft wird weißer Schimmel mit Salzausblühungen (Effloreszenzen) verwechselt, die bei feuchtem Mauerwerk entstehen, wenn Mineralsalze auskristallisieren.
- Löst sich das Material auf oder fühlt es sich sandig/kristallin an, sind es meist harmlose Salze.
- Wirkt es schmierig, schleimig oder bleiben feine Fäden zurück, handelt es sich höchstwahrscheinlich um Schimmel.
4. Gelber und Roter Schimmel
Gelber Schimmel (oft Aspergillus flavus) ist hierzulande in Wohnungen seltener, aber gefährlich. Er produziert Aflatoxine, die als krebserregend gelten und Leber sowie Nieren schädigen können. Er bevorzugt oft organische Materialien wie Baumwollstoffe oder stärkehaltige Untergründe.
Roter Schimmel (z.B. Neurospora oder Fusarium) tritt häufig auf getreidehaltigen Untergründen oder in sehr feuchten Umgebungen wie im Bad auf Zelluloseuntergründen auf (Bäckerschimmel).
Wissenschaftliche Einteilung: Die wichtigsten Gattungen
Um das Risiko genau zu bewerten, reicht die Farbe nicht aus. Labore analysieren die Gattung und Art gemäß DIN EN ISO 16000-17[5]. Hier ein Überblick über die relevantesten Gattungen im Wohnraum:
Aspergillus (Gießkannenschimmel)
Diese Gattung umfasst einige der häufigsten Innenraumpilze. Sie sind sehr tolerant gegenüber Temperaturschwankungen.
- Vorkommen: Wände, Möbel, Blumenerde, Lebensmittel.
- Gesundheit: Hohes Allergiepotenzial; A. fumigatus und A. flavus können Infektionen und Vergiftungen verursachen.
Penicillium (Pinselschimmel)
Mit über 200 Arten sehr verbreitet. Sie wachsen oft schneller als andere Pilze und benötigen etwas weniger Feuchtigkeit als z.B. Stachybotrys.
- Vorkommen: Tapeten, Matratzen, Lebensmittel (Zitrusschimmel).
- Gesundheit: Hauptsächlich allergische Reaktionen (Schnupfen, Husten, Hautreizungen).
Alternaria
Dieser Pilz kommt sowohl in der Außenluft als auch innen vor. Er gilt als einer der bedeutendsten Allergieauslöser weltweit.
- Vorkommen: Fensterrahmen (Kondenswasser), Textilien, feuchte Wände.
- Gesundheit: Starkes Allergen, oft Auslöser von Asthma.
Cladosporium
Tritt oft im Sommer auf, da er von draußen hereingeweht wird, setzt sich aber an feuchten Stellen fest (z.B. Kühlschrankdichtungen, Fensterlaibungen). Er bildet oft schwarze bis olivgrüne Kolonien.
Gesundheitliche Risiken im Detail
Die gesundheitlichen Auswirkungen von Schimmelpilzen werden oft unterschätzt oder falsch zugeordnet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellt fest, dass Bewohner von feuchten, schimmelbelasteten Wohnungen ein bis zu 75% höheres Risiko für Atemwegserkrankungen und Asthma haben[4].
Man unterscheidet drei Wirkungsweisen:
- Allergene Wirkung: Die häufigste Reaktion. Sporen wirken als Inhalationsallergene. Symptome sind Augenbrennen, Fließschnupfen, Hustenreiz und Müdigkeit.
- Toxische Wirkung: Mykotoxine (Pilzgifte) sind Stoffwechselprodukte, die nicht flüchtig sind, aber an Sporen oder Staubpartikeln haften. Bei Aufnahme können sie neurotoxisch oder immunsupressiv wirken.
- Infektiöse Wirkung: Sogenannte Mykosen. Diese betreffen meist nur immungeschwächte Personen (z.B. nach Transplantationen oder bei Chemotherapie), bei denen der Pilz im Körpergewebe wächst[2].
Erkennung und Sanierung: Was tun bei Befall?
Der erste Schritt ist immer die Ursachenforschung. Ohne die Beseitigung der Feuchtigkeitsquelle (z.B. Rohrbruch, Riss in der Fassade oder unzureichende Lüftung) wird der Schimmel unweigerlich zurückkehren. Das Umweltbundesamt empfiehlt für die Sanierung folgende Kategorisierung[1]:
Kategorie 1: Kleinflächiger Befall (< 0,5 m²)
Oberflächlicher Schimmel (z.B. in Silikonfugen oder kleine Flecken an der Tapete) kann oft selbst entfernt werden.
- Tragen Sie Handschuhe, Mundschutz (FFP2/FFP3) und Schutzbrille.
- Verwenden Sie 70-80%igen Ethylalkohol (Brennspiritus) oder Wasserstoffperoxid.
- Vorsicht bei Essig: Essig neutralisiert zwar viele Pilze, aber auf kalkhaltigen Wänden (Putz) bildet er mit dem Kalk organische Salze, die dem Schimmel wiederum als perfekter Nährboden dienen. Essig ist daher auf Wänden oft kontraproduktiv!
Kategorie 2: Großflächiger Befall (> 0,5 m²)
Hier muss eine Fachfirma ran. Betroffene Materialien (Gipskarton, Putz, Dämmung) müssen oft komplett entfernt werden. Es sind Staubschutzwände und Unterdruckgeräte erforderlich, um die Sporen nicht in der ganzen Wohnung zu verteilen.
Prävention: Die 60%-Regel
Der beste Schutz vor allen Schimmelarten ist die Kontrolle der Luftfeuchtigkeit. Schimmelpilze stellen ihr Wachstum meist ein, wenn die relative Luftfeuchte dauerhaft unter 60% liegt (an der Wandoberfläche, nicht nur in der Raummitte!). Nutzen Sie ein Hygrometer und lüften Sie per Stoßlüftung (Fenster ganz auf, 5-10 Minuten), um feuchte Innenluft gegen trockene Außenluft zu tauschen[6].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Kann ich durch bloßes Ansehen erkennen, ob der Schimmel giftig ist?
Nein. Die Farbe gibt Hinweise, aber keine Sicherheit. Auch grüner Schimmel kann Toxine bilden, und nicht jeder schwarze Schimmel ist der hochgiftige Stachybotrys. Sicherheit bringt nur eine Laboranalyse einer Materialprobe oder eines Abklatschtests.
Helfen Anti-Schimmel-Farben dauerhaft?
Anti-Schimmel-Farben enthalten Fungizide, die das Wachstum hemmen. Diese Wirkung lässt jedoch mit der Zeit nach (oft nach 1-2 Jahren). Wenn die Feuchtigkeitsursache nicht behoben wird, wächst der Schimmel auch auf dieser Farbe oder "unterwandert" sie.
Ist Schimmelgeruch ohne sichtbaren Fleck gefährlich?
Ja. Ein modriger, erdiger Geruch (MVOCs - Microbial Volatile Organic Compounds) weist auf aktives Schimmelwachstum hin, oft versteckt hinter Schränken, Tapeten oder unter dem Fußboden. Auch ohne sichtbaren Fleck können Sporen die Luft belasten.
Muss ich bei Schimmelbefall sofort ausziehen?
Nicht zwingend. Dies hängt von der Größe des Befalls und dem Gesundheitszustand der Bewohner ab (Risikogruppen wie Babys oder Asthmatiker). Bei sehr großflächigem Befall oder dem Nachweis von Stachybotrys kann eine Wohnung jedoch unbewohnbar sein, bis die Sanierung abgeschlossen ist.
Wie lüfte ich richtig, wenn ich den ganzen Tag nicht zu Hause bin?
Lüften Sie morgens nach dem Aufstehen intensiv (Schlafzimmerfeuchte rauslassen) und abends direkt nach dem Heimkommen sowie vor dem Schlafen. Das reicht meist aus, wenn tagsüber keine Feuchtigkeitsquellen (Wäschetrocknen, Kochen) aktiv sind.
Fazit
Die Unterscheidung der Schimmelarten ist komplex, aber für die Risikoeinschätzung wichtig. Während fast alle Schimmelpilze in Innenräumen aus hygienischen Gründen entfernt werden müssen, variiert die Dringlichkeit und die Art der Sanierung je nach Gattung und Ausmaß. Ignorieren Sie niemals die ersten Anzeichen wie kleine Stockflecken oder modrigen Geruch. Feuchtigkeit ist der Schlüssel: Wer das Raumklima kontrolliert, entzieht den meisten Schimmelarten – egal ob schwarz, grün oder weiß – die Lebensgrundlage. Handeln Sie präventiv und ziehen Sie bei Unsicherheit stets einen Baubiologen oder Sachverständigen hinzu, um Ihre Gesundheit und die Bausubstanz langfristig zu schützen.
Quellen und Referenzen
- Umweltbundesamt (UBA), "Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden", 2017.
- Robert Koch-Institut (RKI), "Gesundheitliche Risiken durch Schimmelpilze in Innenräumen", Bundesgesundheitsblatt, 2007.
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, "Schimmelpilze in Innenräumen - Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement", 2014.
- World Health Organization (WHO), "WHO guidelines for indoor air quality: dampness and mould", 2009.
- DIN EN ISO 16000-17:2008, "Innenraumluftverunreinigungen - Teil 17: Nachweis und Zählung von Schimmelpilzen".
- Verbraucherzentrale, "Feuchtigkeit und Schimmelbildung in Wohnräumen", Stand 2023.
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