Ein muffiger Geruch im Raum, klamme Wände oder plötzlich sichtbare dunkle Flecken an der wunderschönen Raufaser: Die Entdeckung von Schimmel auf oder hinter der Tapete ist für jeden Mieter und Hausbesitzer ein Schock. Doch es handelt sich hierbei nicht nur um ein ästhetisches Problem, das den Wohnwert mindert. Schimmelpilzbefall stellt ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko dar und deutet fast immer auf ein tieferliegendes Feuchtigkeitsproblem hin. Einfaches Überstreichen ist hier keine Lösung – es verschlimmert die Situation oft nur. In diesem umfassenden Ratgeber erfahren Sie Schritt für Schritt, wie Sie den Befall erkennen, die Tapete fachgerecht entfernen und den Untergrund so sanieren, dass der Schimmel dauerhaft verschwindet. Wir basieren unsere Empfehlungen auf aktuellen wissenschaftlichen Standards und Leitfäden des Umweltbundesamtes.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Gesundheitsgefahr: Schimmelsporen können Allergien, Asthma und Atemwegserkrankungen auslösen. Handeln Sie sofort.
- Kein Essig: Verwenden Sie niemals Essig zur Schimmelbekämpfung auf Kalkwänden, da dieser organische Nährstoffe für neues Wachstum liefert.
- Ursache finden: Ohne die Beseitigung der Feuchtigkeitsquelle (Baumangel oder Lüftungsverhalten) kommt der Schimmel wieder.
- Tapete muss weg: Bei sichtbarem Befall auf der Tapete sitzt das Myzel (Wurzelwerk) meist schon im Putz. Die Tapete muss großflächig entfernt werden.
- Die 0,5m²-Regel: Befall, der größer als ein halber Quadratmeter ist, sollte von Fachfirmen saniert werden.
- Schutzmaßnahmen: Tragen Sie bei der Entfernung unbedingt eine P2/P3-Atemschutzmaske, Schutzbrille und Handschuhe.
Warum schimmelt es auf und hinter der Tapete?
Um das Problem dauerhaft zu lösen, müssen wir verstehen, warum sich der Schimmelpilz ausgerechnet Ihre Tapete als Lebensraum ausgesucht hat. Schimmel benötigt drei Grundvoraussetzungen: Feuchtigkeit, Nährstoffe und die richtige Temperatur. Tapeten, insbesondere Raufaser und Papiertapeten, sind leider ein perfekter Nährboden. Die Zellulose im Papier und der Kleister (Stärke) dienen dem Pilz als Nahrung [1].
Das Problem mit der Kondensationsfeuchte
Die häufigste Ursache ist Kondenswasser. Warme Raumluft kann mehr Feuchtigkeit speichern als kalte Luft. Trifft diese warme, feuchte Luft auf eine kalte Außenwand (eine sogenannte Wärmebrücke), kühlt sie ab und das Wasser kondensiert an der Tapete. Dies geschieht oft hinter großen Möbelstücken oder in Raumecken, wo die Luftzirkulation eingeschränkt ist. Durchfeuchtet die Tapete, beginnt der Kleister sich zu zersetzen und der Schimmel wächst – oft lange bevor er auf der Vorderseite sichtbar wird.
Achtung: Wärmebrücken erkennen
Besonders in Altbauten sind ungedämmte Außenwände, Fensterlaibungen oder Heizkörpernischen kritische Bereiche. Wenn Sie hier Schimmel feststellen, liegt oft ein strukturelles Problem vor, das durch reines "Wegputzen" nicht gelöst wird. Hier greift die DIN 4108 zum Wärmeschutz im Hochbau [3].
Erkennung: Schimmel auf der Tapete vs. Schimmel hinter der Tapete
Nicht immer ist der Befall sofort offensichtlich. Man unterscheidet zwischen dem primären Befall (von außen nach innen) und dem sekundären Befall (von der Wand durch die Tapete).
Sichtbarer Befall (Oberfläche)
Zeigen sich schwarze, grüne oder gelbliche Stockflecken direkt auf der Tapete, ist dies meist ein Zeichen für zu hohe Raumluftfeuchte, die an der Oberfläche kondensiert. Dies tritt häufig in Badezimmern, Küchen oder Schlafzimmern auf. Auch wenn es "nur" oberflächlich aussieht: Tapeten sind porös. Die Hyphen (Pilzfäden) wachsen schnell durch das Papier hindurch zum Putz.
Versteckter Befall (Hinter der Tapete)
Tückischer ist der Schimmel, der durch Baumängel (z.B. aufsteigende Feuchte, Leckagen in Leitungen oder Regenwassereintritt) entsteht. Hier wächst der Pilz auf dem Putz und frisst sich von hinten durch den Kleister und die Tapete.
Warnsignale für versteckten Schimmel:
- Geruch: Ein modriger, erdiger Geruch, der auch nach dem Lüften nicht verschwindet.
- Wellenbildung: Die Tapete wirft Wellen oder löst sich an den Nähten, weil der Kleister durch Feuchtigkeit seine Haftkraft verliert.
- Verfärbungen: Diffuse, gelbliche oder bräunliche Verfärbungen, die wie Wasserflecken aussehen.
- Gesundheitliche Beschwerden: Unerklärliche Kopfschmerzen, Augenreizungen oder Husten am Morgen [2].
Schritt-für-Schritt-Anleitung: Schimmel Tapete entfernen
Wenn Sie Schimmel auf der Tapete entdecken, lautet die klare Empfehlung des Umweltbundesamtes: Die betroffene Tapete muss entfernt werden. Ein bloßes Abwischen mit Chlorreinigern beseitigt zwar die Farbe des Schimmels (Bleicheffekt), tötet aber oft nicht das tiefsitzende Myzel ab und lässt die Biomasse als Nährboden zurück.
1. Vorbereitung und Arbeitsschutz
Bevor Sie die Tapete anrühren, müssen Sie sich und Ihre Wohnung schützen. Beim Abreißen werden Millionen von Sporen freigesetzt.
- Persönliche Schutzausrüstung (PSA): Tragen Sie eine Atemschutzmaske (FFP2 oder besser FFP3), eine dicht schließende Schutzbrille und Einweghandschuhe. Ein Einweg-Overall schützt Ihre Kleidung und verhindert, dass Sie Sporen in andere Räume tragen.
- Raum abschotten: Schließen Sie die Türen zu anderen Wohnräumen. Öffnen Sie das Fenster weit, um für maximalen Luftaustausch nach draußen zu sorgen. Kleben Sie Türschlitze ggf. ab.
- Inventar schützen: Räumen Sie Möbel aus dem Weg oder decken Sie diese luftdicht mit Folie ab.
2. Tapete befeuchten und fixieren
Profi-Tipp: Sporenflug minimieren
Reißen Sie die Tapete niemals trocken ab! Dies würde eine massive Sporenwolke erzeugen. Sprühen Sie die betroffenen Stellen vor dem Entfernen mit einem Tapetenlöser oder Wasser-Spülmittel-Gemisch ein. Noch besser: Befeuchten Sie die Stelle vorab mit 70-80%igem Ethylalkohol (Brennspiritus), um die Sporen an der Oberfläche bereits abzutöten und zu binden.
3. Tapete entfernen
Entfernen Sie die Tapete nicht nur direkt am Schimmelfleck. Der Pilz breitet sich oft unsichtbar aus.
- Entfernen Sie die Tapete großzügig, mindestens 50 cm über den sichtbaren Befall hinaus (Sicherheitsradius).
- Packen Sie die abgelösten Tapetenstücke sofort in stabile Müllsäcke (luftdicht verschließen).
- Entsorgen Sie die Säcke über den Hausmüll, nicht im Papiermüll.
Die Sanierung: Schimmel hinter der Tapete bekämpfen
Nachdem die Tapete entfernt ist, blicken Sie auf den "nackten" Putz oder die Gipskartonplatte. Oft sehen Sie hier das wahre Ausmaß: dunkle Verfärbungen oder Myzel-Netze. Jetzt geht es an die Tiefensanierung.
Die Wahl des richtigen Mittels
Vergessen Sie Hausmittel wie Essig oder Backpulver. Essig hat zwar einen niedrigen pH-Wert, wird aber auf kalkhaltigen Wänden (Putz) neutralisiert und hinterlässt organische Rückstände, die dem Pilz schmecken.
- Ethylalkohol (70-80%): Das Mittel der Wahl für trockene, poröse Untergründe wie Putz. Alkohol entzieht dem Pilz Wasser und denaturiert seine Eiweiße. Er verflüchtigt sich rückstandsfrei. Achtung: Brandgefahr! Gut lüften, kein offenes Feuer.
- Wasserstoffperoxid (H2O2, 10-12%): Wirkt oxidierend und bleichend. Es zerfällt in Wasser und Sauerstoff und ist daher umweltfreundlich. Gut geeignet, um Flecken zu entfernen und tief zu desinfizieren.
- Isopropanol: Eine Alternative zu Ethylalkohol, oft in medizinischen Reinigern enthalten.
Anwendung auf dem Putz
- Reinigung: Entfernen Sie lose Putzteile und Kleisterreste gründlich mit einem Spachtel. Kleister ist Nährboden!
- Desinfektion: Tragen Sie den Alkohol oder das Wasserstoffperoxid satt auf die betroffene Stelle auf (Pinsel oder Sprüher). Arbeiten Sie immer von außen nach innen, um Sporen nicht zu verteilen.
- Wiederholung: Lassen Sie die Stelle abtrocknen und wiederholen Sie den Vorgang ein zweites Mal, um sicherzugehen, dass auch tiefere Schichten erreicht wurden.
- Abtragen (bei tiefem Befall): Ist der Schimmel tief in den Putz eingedrungen, hilft oft nur das Abschlagen des Putzes an dieser Stelle. Dies sollte im Zweifel ein Fachmann beurteilen.
Wann muss der Putz runter?
Wenn der Putz bröckelt, sandet oder durchfeuchtet ist, muss er entfernt werden. Bei Gipskartonplatten (Rigips) ist eine oberflächliche Reinigung meist sinnlos, da das Myzel das Papier der Platte durchdrungen hat. Befallene Rigipsplatten müssen in der Regel ausgetauscht werden [1].
Wiederaufbau und Vorbeugung
Nach der Sanierung ist vor der Renovierung. Tapezieren Sie die Stelle nicht sofort wieder zu! Die Wand muss vollständig austrocknen. Nutzen Sie ggf. Bautrockner.
Geeignete Wandbeläge zur Schimmelvermeidung
Vermeiden Sie an kritischen Stellen (Außenwände, Ecken) erneut Raufaser oder Vinyltapeten. Diese sperren Feuchtigkeit ein oder bieten Nährstoffe.
- Silikatfarben / Mineralfarben: Diese sind hochalkalisch (hoher pH-Wert), was Schimmelwachstum natürlich hemmt, und extrem diffusionsoffen (atmungsaktiv).
- Kalkputz: Wirkt feuchtigkeitsregulierend und schimmelhemmend.
- Kalziumsilikatplatten: Bei Wärmebrücken können diese "Klimaplatten" von innen angebracht werden. Sie saugen Feuchtigkeit auf und geben sie bei Lüftung wieder ab, zudem erhöhen sie die Oberflächentemperatur der Wand.
Richtiges Lüften und Heizen
Die beste Sanierung hilft nichts, wenn das Verhalten nicht angepasst wird (sofern kein baulicher Mangel vorliegt).
- Stoßlüften: 3-4 Mal täglich für 5-10 Minuten Fenster weit auf (Durchzug), statt stundenlang auf Kipp.
- Heizen: Lassen Sie Räume nicht komplett auskühlen. Auch ungenutzte Räume sollten nicht unter 16-17°C fallen, da sonst Feuchtigkeit aus wärmeren Räumen dort kondensiert.
- Möbelabstand: Stellen Sie Schränke an Außenwänden mit mindestens 5-10 cm Abstand auf, damit die Luft zirkulieren kann.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Kann ich Schimmel auf der Tapete einfach überstreichen?
Nein, auf keinen Fall. Spezielle "Anti-Schimmel-Farben" sind nur zur Vorbeugung auf sauberen Wänden gedacht. Wenn Sie über bestehenden Schimmel streichen, lebt der Pilz darunter weiter und wächst bald durch die neue Farbe hindurch. Zudem schließen Sie die Feuchtigkeit ein.
Ist Chlorreiniger besser als Alkohol?
Chlorreiniger haben eine starke Bleichwirkung, weshalb der Schimmel schnell "weg" aussieht. Sie sind jedoch gesundheitlich bedenklich (Reizgasbildung) und belasten die Raumluft. Alkohol (Ethanol/Isopropanol) ist effektiver auf porösen Untergründen und verflüchtigt sich schneller, ohne Rückstände zu hinterlassen.
Wer zahlt die Schimmelbeseitigung: Mieter oder Vermieter?
Das hängt von der Ursache ab. Liegt ein Baumangel vor (Risse, schlechte Isolierung, Wasserschaden), ist der Vermieter zuständig. Ist falsches Lüftungs- und Heizverhalten die Ursache, haftet oft der Mieter. Ein Gutachter kann dies im Streitfall klären. Melden Sie den Schaden immer sofort schriftlich dem Vermieter.
Wie lange muss die Wand nach der Behandlung trocknen?
Das hängt von der Durchfeuchtung ab. Nach der Behandlung mit Alkohol können Sie oft nach 24-48 Stunden weiterarbeiten. War die Wand jedoch durch Kondenswasser oder einen Wasserschaden nass, kann die Trocknung Wochen dauern. Nutzen Sie ein Feuchtigkeitsmessgerät, um sicherzugehen.
Helfen Luftreiniger gegen Schimmel?
Luftreiniger mit HEPA-Filtern können helfen, die Sporenkonzentration in der Luft zu senken und somit allergische Reaktionen zu mindern. Sie bekämpfen aber nicht die Ursache an der Wand und ersetzen keine Sanierung.
Fazit
Schimmel auf oder hinter der Tapete ist ein ernstes Signal Ihres Hauses, das schnelles und konsequentes Handeln erfordert. Die Versuchung ist groß, den Fleck einfach "wegzuwischen", doch nur die Entfernung der Tapete und die Behandlung des Untergrunds bringen dauerhaften Erfolg. Denken Sie immer an Ihre Gesundheit: Tragen Sie Schutzkleidung und zögern Sie nicht, bei großflächigem Befall (über 0,5 m²) einen Fachbetrieb zu konsultieren. Mit der richtigen Sanierung und angepasstem Lüftungsverhalten schaffen Sie wieder ein gesundes und schimmelfreies Wohnklima.
Starten Sie jetzt mit der Ursachenforschung und schützen Sie Ihre Gesundheit!
Quellen und Referenzen
- Umweltbundesamt (UBA): "Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden", 2017.
- Robert Koch-Institut (RKI): "Schimmelpilzbelastung in Innenräumen – Befunderhebung, gesundheitliche Bewertung und Maßnahmen", Bundesgesundheitsblatt, 2007.
- DIN 4108-2:2013-02: "Wärmeschutz und Energie-Einsparung in Gebäuden - Teil 2: Mindestanforderungen an den Wärmeschutz".
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg: "Schimmelpilze in Innenräumen - Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement", 2004.
- Verbraucherzentrale Bundesverband: "Feuchtigkeit und Schimmelbildung in Wohnräumen", Ratgeber Bauen & Wohnen.
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