Ein gesundes Raumklima ist nicht nur für unser Wohlbefinden entscheidend, sondern auch für die Erhaltung der Bausubstanz unserer Wohnungen und Häuser. Oftmals bemerken wir eine zu hohe Luftfeuchtigkeit erst dann, wenn es bereits zu spät ist: Ein muffiger Geruch macht sich breit, Stockflecken tauchen in den Ecken auf oder Kondenswasser bildet sich an den Fensterscheiben. Der Luftfeuchtigkeitsmesser, auch Hygrometer genannt, ist in diesem Zusammenhang weit mehr als ein einfaches Thermometer-Zubehör. Er ist das wichtigste Präventionsinstrument gegen eine der hartnäckigsten Plagen in Innenräumen: den Schimmelpilz. Doch ab wann wird es kritisch? Welche biologischen Prozesse laufen ab, wenn die Anzeige über 60 % oder 70 % steigt? Und welche rechtlichen Konsequenzen drohen Mietern und Vermietern, wenn das Raumklima dauerhaft aus dem Gleichgewicht gerät? In diesem umfassenden Ratgeber tauchen wir tief in die bauphysikalischen und mikrobiologischen Grundlagen ein, basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Merkblättern und Richtlinien.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Kritische Grenze: Schimmelpilzwachstum kann bereits ab einer relativen Luftfeuchtigkeit von 80 % an der Materialoberfläche beginnen, für einige Arten reichen sogar 70 %.
- Gesundheitsrisiko: Schimmelpilze werden in Risikogruppen eingeteilt und können Allergien, toxische Reaktionen und Infektionen auslösen.
- Messung ist Pflicht: Ein Hygrometer hilft, das Lüftungsverhalten zu steuern und Taupunktunterschreitungen zu vermeiden.
- Rechtliche Relevanz: Mietminderungen bei Schimmelbefall können zwischen 10 % und 100 % liegen, hängen aber stark von der Ursache (Baumangel vs. Lüftungsverhalten) ab.
- Prävention: Richtiges Heizen und Stoßlüften sind die effektivsten Methoden, um die Feuchtigkeit, die durch Duschen, Kochen und Atmen entsteht, abzuführen.
Warum die Luftfeuchtigkeit so entscheidend ist: Die biologischen Grundlagen
Viele Menschen glauben fälschlicherweise, dass Schimmelpilze nur dort wachsen, wo Wände nass sind oder Wasser steht. Die bauphysikalische Realität ist jedoch komplexer. Der entscheidende Faktor für das Wachstum von Mikroorganismen ist die sogenannte Wasseraktivität (aw-Wert) auf dem Substrat, also der Tapete, dem Putz oder dem Holz[1]. Ein Luftfeuchtigkeitsmesser hilft Ihnen, diesen unsichtbaren Gefahrenbereich zu überwachen.
Das Isoplethenmodell: Wann wächst der Pilz?
Wissenschaftliche Untersuchungen, wie sie im WTA-Merkblatt zur Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos dargelegt sind, zeigen, dass die drei Faktoren Feuchte, Temperatur und Substrat (Nährboden) über eine bestimmte Zeitperiode zusammenwirken müssen, damit Sporen auskeimen[1]. Hierbei gibt es keine starre Grenze, sondern dynamische Bereiche:
- Optimaler Bereich: Die meisten Schimmelpilze wachsen optimal bei Temperaturen um 30°C und hoher Feuchtigkeit.
- Untere Wachstumsgrenze (LIM): Die "Lowest Isopleth for Mould" beschreibt die unterste Grenze der Pilzaktivität. Für die meisten bauüblichen Pilze liegt diese Grenze bei etwa 70 % relativer Luftfeuchtigkeit auf der Oberfläche[1].
- Xerophile Pilze: Einige spezialisierte Pilzarten, sogenannte xerophile Pilze, können sogar schon bei einer relativen Feuchte von ca. 65 % wachsen, wenngleich diese in Gebäuden seltener dominieren[1].
Das bedeutet für die Praxis: Zeigt Ihr Luftfeuchtigkeitsmesser dauerhaft Werte über 60-65 % an, steigt das Risiko, dass an kühleren Außenwänden (wo die relative Feuchte lokal höher ist als in der Raummitte) die kritische 70-80 % Marke überschritten wird. Ab 80 % relativer Feuchte sind die Wachstumsbedingungen für fast alle Schimmelpilzarten erreicht[1].
Warnung: Der Substrat-Einfluss
Nicht jeder Untergrund schimmelt gleich schnell. Biologisch gut verwertbare Substrate wie Tapeten, Gipskarton oder verschmutzte Oberflächen (Substratgruppe I) ermöglichen Pilzwachstum deutlich schneller als mineralische Baustoffe wie Beton oder Ziegel (Substratgruppe II)[1]. In einer Wohnung mit Raufasertapete ist die Toleranzgrenze für hohe Luftfeuchtigkeit also geringer als in einem Rohbau-Keller.
Gesundheitliche Risiken: Mehr als nur ein optisches Problem
Wenn der Luftfeuchtigkeitsmesser ignoriert wird und Schimmel entsteht, ist dies nicht nur ein ästhetisches Problem. Die Technischen Regeln für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA 460) und Berichte der Landesgesundheitsämter klassifizieren Schimmelpilze in Risikogruppen und beschreiben detailliert die Gefahren[2][3].
Allergien und Sensibilisierung
Grundsätzlich sind alle Schimmelpilze in der Lage, Allergien auszulösen. Dies betrifft vor allem Typ-I-Allergien (Soforttyp), wie allergischen Schnupfen, Asthma bronchiale oder Bindehautentzündungen[2]. Besonders tückisch ist, dass auch abgestorbene Pilzbestandteile nach einer Sanierung noch allergen wirken können. Etwa 5 % der Bevölkerung in Deutschland weisen eine Sensibilisierung gegen Schimmelpilze auf[2]. Arten wie Alternaria und Cladosporium gelten als besonders potente Allergene.
Toxische Wirkungen (Mykotoxine)
Einige Schimmelpilze produzieren Stoffwechselprodukte, die für den Menschen giftig sind, sogenannte Mykotoxine. Diese können über die Atemluft aufgenommen werden. Besonders problematisch ist der Pilz Stachybotrys chartarum, der häufig auf feuchten Gipskartonplatten wächst. Er produziert Satratoxine, die starke Hautreizungen, Nasenbluten und grippeähnliche Symptome auslösen können[2]. Auch Aflatoxine, produziert von Aspergillus flavus, sind als krebserregend bekannt, kommen aber seltener in der direkten Innenraumluft in hohen Konzentrationen vor.
Infektionsgefahr
Für gesunde Menschen ist das Infektionsrisiko gering. Für immungeschwächte Personen (z.B. nach Transplantationen oder Chemotherapie) stellt jedoch Aspergillus fumigatus eine ernsthafte Bedrohung dar. Dieser Pilz ist in die Risikogruppe 2 eingestuft und kann invasive Aspergillosen in der Lunge verursachen[3]. Er ist thermotolerant, wächst also auch bei Körpertemperatur (37°C) hervorragend.
Richtiges Messen und Interpretieren
Ein Luftfeuchtigkeitsmesser ist nur so gut wie seine Anwendung. Viele Nutzer stellen das Gerät mittig auf den Wohnzimmertisch. Das gibt einen groben Überblick, verfehlt aber oft die Problemzonen.
Der Taupunkt und die Wärmebrücke
Das physikalische Prinzip ist simpel: Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit speichern als kalte. Kühlt warme Raumluft an einer kalten Außenwand ab, steigt dort lokal die relative Luftfeuchtigkeit an, auch wenn das Hygrometer in der Raummitte noch "grüne Werte" anzeigt. Wird die Taupunkttemperatur unterschritten, kondensiert das Wasser aus der Luft zu Tröpfchen – der ideale Nährboden für Sporen[1].
Beispiel: Bei 20°C Raumtemperatur und 50% relativer Luftfeuchtigkeit liegt der Taupunkt bei ca. 9,3°C. Hat eine schlecht gedämmte Außenwandecke (geometrische Wärmebrücke) im Winter eine Oberflächentemperatur von nur 9°C, bildet sich dort Wasser. Schimmel kann jedoch, wie oben erwähnt, schon ab 80% relativer Feuchte wachsen, was bereits bei einer Wandtemperatur von ca. 12,6°C der Fall wäre[1].
Praxis-Tipp zur Platzierung
Platzieren Sie Hygrometer nicht direkt an der Heizung oder in direkter Sonneneinstrahlung. Um Risikostellen zu überwachen, stellen Sie das Gerät temporär in die Nähe von Außenwandecken oder hinter Schränke (mit etwas Abstand zur Wand), um zu prüfen, ob sich dort Feuchtigkeitsnester bilden.
Rechtliche Konsequenzen: Wenn das Hygrometer ignoriert wird
Schimmel in der Wohnung führt häufig zu erbitterten Rechtsstreitigkeiten zwischen Mietern und Vermietern. Die Kernfrage lautet fast immer: Liegt ein Baumangel vor (Vermietersache) oder wurde falsch gelüftet und geheizt (Mietersache)?
Mietminderungstabellen und Urteile
Die Rechtsprechung ist hier sehr einzelfallbezogen, aber es gibt Richtwerte aus vergangenen Urteilen:
- 100 % Mietminderung: Wurde bei erheblicher gesundheitlicher Gefährdung zugesprochen, etwa wenn eine Familie mit Kindern durch den Schimmel so stark erkrankte (Lungenentzündungen), dass eine Krankenhausbehandlung nötig war (AG Charlottenburg, 2007)[4].
- 80 % Mietminderung: Bei erheblicher Durchfeuchtung von Küche, Wohn- und Schlafzimmer, die die Wohnung nahezu unbewohnbar machte (LG Berlin, 1991)[4].
- 10 - 20 % Mietminderung: Dies ist der häufigste Bereich für "üblichen" Schimmelbefall, etwa in Bad oder Schlafzimmer, solange die Nutzung nicht komplett ausgeschlossen ist (z.B. LG Hannover, LG Karlsruhe)[4].
- 0 % Mietminderung: Wenn der Mieter durch sein Verhalten (z.B. Wäschetrocknen in der Wohnung, mangelndes Lüften trotz dichter Fenster) den Schaden selbst verursacht hat (LG Lüneburg, 1987)[4].
Interessant ist hierbei das Thema Fenstermodernisierung. Werden in einem Altbau dichte Isolierglasfenster eingebaut, ändert sich das Raumklima drastisch. Der natürliche Luftwechsel durch Fugen entfällt. Ein Urteil des LG Lübeck (1990) besagt, dass der Vermieter den Mieter auf das notwendige geänderte Wohnverhalten hinweisen muss. Unterlässt er dies, kann der Mieter trotz Feuchtigkeitsbildung mindern (hier 42 %)[4].
Handlungsempfehlungen: Was tun bei hohen Werten?
Wenn Ihr Luftfeuchtigkeitsmesser dauerhaft Werte über 60 % anzeigt, besteht Handlungsbedarf. Die effektivste Sofortmaßnahme ist das korrekte Lüften.
Stoßlüften vs. Kipplüften
Dauerhaft gekippte Fenster sind in der Heizperiode kontraproduktiv. Sie sorgen kaum für Luftaustausch, kühlen aber die Fensterlaibung (den Sturz) stark aus. Dies schafft ideale Bedingungen für Kondenswasser und Schimmelwachstum. Stattdessen sollte mehrmals täglich für 5-10 Minuten bei weit geöffnetem Fenster (am besten mit Durchzug) gelüftet werden. Dies tauscht die feuchte Raumluft gegen trockenere Außenluft aus, ohne dass die Wände und Möbel auskühlen.
Testen bei Verdacht
Zeigt das Hygrometer zwar normale Werte, aber es riecht muffig (MVOCs) oder Sie haben gesundheitliche Beschwerden, kann ein verdeckter Schimmelbefall vorliegen (z.B. hinter Wandverkleidungen). Hier helfen verschiedene Testmethoden:
- Materialproben: Untersuchung von Tapeten oder Putz im Labor[2].
- Klebefilmabriss: Einfache Methode zur Bestimmung der Schimmelart an sichtbaren Flecken[2].
- Raumlufttests (Sedimentationsplatten): Diese "Do-it-yourself"-Tests, bei denen Petrischalen aufgestellt werden, sind laut Umweltbundesamt wissenschaftlich umstritten, da sie keine quantitativen Ergebnisse liefern (schwere Sporen fallen schneller als leichte)[2]. Sie bieten jedoch einen ersten kostengünstigen Orientierungshinweis auf die Art der Belastung.
- MVOC-Messung: Messung flüchtiger organischer Verbindungen, um verdeckte Schäden zu lokalisieren[2].
Spezielle Test-Kits für zuhause, wie der Silberkraft Raumluft Schimmeltest, nutzen Nährböden, um eine erste Einschätzung der Sporenbelastung zu ermöglichen. Wichtig ist hierbei immer eine Referenzprobe der Außenluft, da Schimmelsporen natürlicherweise überall vorkommen. Nur wenn die Innenraumbelastung signifikant höher ist oder andere Arten aufweist als draußen, liegt ein Problem vor[2].
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Welche Luftfeuchtigkeit ist ideal?
Für Wohnräume wird allgemein ein Bereich zwischen 40 % und 60 % relativer Luftfeuchtigkeit empfohlen. Werte dauerhaft über 60 % erhöhen das Schimmelrisiko signifikant, Werte unter 40 % können die Schleimhäute reizen.
Warum zeigt mein Hygrometer im Winter weniger an?
Kalte Außenluft enthält physikalisch weniger Wasser. Wenn diese Luft beim Lüften hereinkommt und erwärmt wird, sinkt ihre relative Feuchtigkeit. Das ist normal und physikalisch bedingt. Dennoch können an schlecht gedämmten Außenwänden kritische Feuchtewerte entstehen.
Kann ich Schimmel einfach wegwischen?
Bei glatten Oberflächen (Glas, Metall, Keramik) ja. Bei porösen Materialien wie Tapeten oder Gipskarton dringt das Myzel (das Wurzelgeflecht des Pilzes) tief ein. Oberflächliches Abwischen entfernt nur die Sporenkörper, der Pilz wächst nach. Befallene poröse Materialien müssen in der Regel entfernt werden[2].
Ist jeder Schimmel gesundheitsschädlich?
Nicht jeder Kontakt macht sofort krank, da Schimmelsporen ubiquitär (überall) vorhanden sind. Allerdings sollten Innenraumquellen aus Vorsorgegründen nicht toleriert werden, da das Risiko für Allergien und Atemwegserkrankungen mit der Dauer und Intensität der Exposition steigt[2]. Bestimmte Arten (Risikogruppe 2 und 3) gelten als besonders problematisch.
Helfen Luftreiniger gegen Schimmel?
Luftreiniger mit HEPA-Filtern können die Sporenkonzentration in der Luft senken und so Allergikern Linderung verschaffen. Sie beseitigen jedoch nicht die Ursache (Feuchtigkeit) und nicht den Pilz, der auf der Wand wächst. Sie sind eine unterstützende Maßnahme, keine Sanierung.
Fazit
Der Luftfeuchtigkeitsmesser ist ein kleines Gerät mit großer Wirkung. Er macht das unsichtbare Risiko der zu hohen Luftfeuchte sichtbar und ermöglicht rechtzeitiges Handeln, bevor die kritische 80%-Marke an den Wänden erreicht ist. Angesichts der komplexen biologischen Prozesse, der potenziellen Gesundheitsgefahren durch Toxine und Allergene sowie der erheblichen finanziellen Risiken bei Mietstreitigkeiten, ist die Investition in die Überwachung des Raumklimas eine der sinnvollsten Maßnahmen für Mieter und Hauseigentümer. Sollten Sie bereits Verdachtsmomente haben, bieten orientierende Tests wie der Silberkraft Schimmeltest einen ersten Schritt zur Klärung, bevor teure Gutachter eingeschaltet werden müssen. Handeln Sie präventiv – Ihrer Gesundheit und Ihrer Wohnung zuliebe.
Quellen und Referenzen
- Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege e.V. (WTA), Merkblatt E-6-3: Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos, 2023.
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, Schimmelpilze in Innenräumen – Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement, 2004 (Stand 2004/2001).
- Technische Regeln für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA) 460, Einstufung von Pilzen in Risikogruppen, Ausgabe Juli 2016 (Änderung 2023).
- Mietminderungstabelle Schimmelbefall und Spakflecken (Zusammenstellung diverser Amts- und Landgerichtsurteile), Stand der Sammlung unbekannt (basierend auf PDF-Kontext).
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