Schimmel in den eigenen vier Wänden ist mehr als nur ein optisches Ärgernis; er stellt ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko dar und bedroht die Bausubstanz. Besonders in Altbauten oder schlecht gedämmten Gebäuden bildet sich an kalten Außenwänden oft Kondenswasser, das den idealen Nährboden für Pilzsporen liefert. Die herkömmliche Lösung – einfach drüberstreichen oder chemische Keulen einsetzen – hilft meist nur kurzfristig. Wer das Problem an der Wurzel packen will, ohne das Haus von außen aufwändig zu dämmen, stößt schnell auf einen Begriff: Kalziumsilikatplatten. Diese mineralischen Platten gelten als "Wunderwaffe" bei der Innensanierung. Doch wie funktionieren sie physikalisch? Warum haben Schimmelpilze auf diesem Material kaum eine Chance? In diesem umfassenden Ratgeber beleuchten wir die wissenschaftlichen Hintergründe, die korrekte Verarbeitung und warum diese Platten oft die beste Lösung für ein gesundes Raumklima sind.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Feuchteregulierung: Kalziumsilikat ist extrem kapillaraktiv und kann große Mengen Feuchtigkeit aufnehmen und bei Lüftung wieder abgeben, was Kondenswasser an der Oberfläche verhindert.
- Hoher pH-Wert: Das Material ist stark alkalisch (pH > 10), was als natürliches Fungizid wirkt, da Schimmelpilze saure bis neutrale Milieus bevorzugen.
- Wärmedämmung: Die Platten erhöhen die Oberflächentemperatur der Wand, wodurch der Taupunkt seltener unterschritten wird.
- Gesundheitlich unbedenklich: Sie sind faserfrei, nicht brennbar und geben keine flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs) ab.
- Wissenschaftlich bestätigt: Studien zeigen, dass auf Kalziumsilikatplatten erst ab einer relativen Materialfeuchte von über 90-95% theoretisches Wachstum möglich wäre – Werte, die im Wohnraum kaum erreicht werden.
Warum entsteht Schimmel an der Wand? Die bauphysikalischen Grundlagen
Um zu verstehen, warum Kalziumsilikatplatten so effektiv sind, müssen wir zunächst einen Blick auf die Entstehung von Schimmel werfen. Schimmelpilze benötigen für ihr Wachstum im Wesentlichen drei Faktoren: Nährstoffe, eine geeignete Temperatur und vor allem Feuchtigkeit[1]. In Innenräumen ist die Feuchtigkeit oft der limitierende Faktor, da Nährstoffe (z.B. in Tapetenkleister, Hausstaub oder Dispersionsfarben) und Temperaturen zwischen 0°C und 50°C fast immer vorhanden sind.
Ein kritisches Phänomen ist hierbei die Tauwasserbildung. Warme Raumluft kann mehr Feuchtigkeit speichern als kalte Luft. Trifft diese warme, feuchte Luft auf eine kalte Außenwand (eine sogenannte Wärmebrücke), kühlt sie ab. Dabei steigt die relative Luftfeuchtigkeit direkt an der Wandoberfläche an. Erreicht sie 100%, fällt Wasser als Kondensat aus. Doch bereits bei einer relativen Luftfeuchte von 80% an der Oberfläche (entsprechend einer Wasseraktivität, dem aw-Wert, von 0,8) finden fast alle Schimmelpilzarten ideale Wachstumsbedingungen vor[1].
Hier kommen die sogenannten Isoplethensysteme ins Spiel. Diese wissenschaftlichen Modelle beschreiben, wie lange und wie häufig ein Bauteil bestimmten Feuchte- und Temperaturverhältnissen ausgesetzt sein muss, damit Sporen auskeimen. Untersuchungen zeigen, dass bei herkömmlichen Baustoffen wie Tapeten oder Gipsputz (Substratgruppe I) bereits geringe Feuchteüberschüsse genügen, um das Myzelwachstum zu starten[1]. Genau diesen Kreislauf unterbrechen Kalziumsilikatplatten.
Was sind Kalziumsilikatplatten?
Kalziumsilikat (oft auch Calciumsilikat geschrieben) ist ein rein mineralischer Baustoff. Er besteht im Wesentlichen aus Siliziumdioxid (Sand), Kalziumoxid (Kalk), Wasser und geringen Mengen Zellulose zur Armierung. In einem aufwendigen Verfahren werden diese Rohstoffe unter Wasserdampfdruck gehärtet. Das Ergebnis ist ein leichter, aber fester Werkstoff mit einer extrem hohen Porosität. Bis zu 90% des Volumens einer Kalziumsilikatplatte bestehen aus mikroskopisch kleinen Luftporen.
Diese Porenstruktur verleiht der Platte ihre zwei wichtigsten Eigenschaften im Kampf gegen den Schimmel:
1. Eine hohe Kapillarität (Saugfähigkeit).
2. Eine gute Wärmedämmwirkung.
Die Funktionsweise: Kapillarität statt Dampfsperre
Im Gegensatz zu herkömmlichen Innendämmungen mit Styropor oder Mineralwolle, die oft mit einer Dampfsperre versehen werden müssen, um Feuchtigkeit aus der Wand fernzuhalten, arbeiten Kalziumsilikatplatten diffusionsoffen. Das System wird als "kapillaraktive Innendämmung" bezeichnet. Fällt Feuchtigkeit an der Wand an – sei es durch Kondensation aus der Raumluft oder durch Restfeuchte im Mauerwerk – saugt die Platte diese Feuchtigkeit wie ein Schwamm auf und verteilt sie im gesamten Plattenquerschnitt.
Sobald die Raumluftfeuchte durch Lüften sinkt, gibt die Platte die gespeicherte Feuchtigkeit großflächig wieder an die Raumluft ab. Die Oberfläche bleibt dadurch trocken. Wissenschaftliche Untersuchungen an Kalziumsilikatplatten haben gezeigt, dass dieses Material eine extrem hohe Schimmelpilzresistenz aufweist. In Tests konnte nachgewiesen werden, dass auf reinem Kalziumsilikat erst oberhalb einer Ausgleichsfeuchte, die 90% bis 95% relativer Luftfeuchte entspricht, überhaupt Schimmelpilzbildung theoretisch möglich wäre[1]. In der Praxis werden solche dauerhaft hohen Werte in Wohnräumen fast nie erreicht, weshalb die Platten als schimmelfrei gelten.
Achtung: Der Unterschied zu "Substratgruppe I"
In der Bauphysik werden Materialien in Substratgruppen eingeteilt. Tapeten, Gipskarton und verschmutzte Oberflächen gehören zur Substratgruppe I (biologisch gut verwertbar) – hier wächst Schimmel sehr schnell. Kalziumsilikatplatten gehören, sofern sie sauber und unbeschichtet sind, zur Substratgruppe II oder gelten als biologisch kaum verwertbar (Substratgruppe 0)[1]. Das bedeutet: Selbst wenn es feucht wird, findet der Pilz hier nichts zu "fressen".
Der Alkalische Schutzschild
Neben der physikalischen Trocknung wirkt Kalziumsilikat auch chemisch gegen Schimmel. Durch den hohen Kalkanteil haben die Platten einen pH-Wert zwischen 10 und 12. Sie sind also stark alkalisch. Schimmelpilze bevorzugen für ihr Wachstum jedoch ein leicht saures bis neutrales Milieu (pH 4,5 bis 7). Zwar gibt es Pilzarten, die eine weite pH-Toleranz aufweisen (zwischen pH 2 und 11), aber die Kombination aus schnellem Abtrocknen und hoher Alkalität macht das Wachstum für die meisten im Innenraum vorkommenden Arten wie Aspergillus versicolor oder Penicillium chrysogenum unmöglich[1].
Es ist jedoch zu beachten, dass die Alkalität über viele Jahre durch die Reaktion mit CO2 aus der Luft (Carbonatisierung) langsam abnehmen kann. Dennoch bleibt die physikalische Eigenschaft der Feuchteregulierung dauerhaft erhalten, was den Langzeitschutz gewährleistet.
Praxisbeispiel: Sanierung im Altbau und Denkmalschutz
Ein klassisches Einsatzgebiet ist die Sanierung von Gebäuden, bei denen eine Außendämmung nicht möglich ist – etwa wegen Denkmalschutzauflagen oder Eigentumsverhältnissen. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt die Wirksamkeit: Bei der Sanierung eines Museums (Rijksmuseum Amsterdam) wurde prognostiziert, dass verbesserte Fenster zu höheren Oberflächentemperaturen an den Scheiben, aber zu relativer Taupunktunterschreitung an den ungedämmten Wänden führen würden. Simulationen ergaben, dass der Einsatz von 40 mm dicken Kalziumsilikatplatten die maximalen Luftfeuchtewerte an der Wandoberfläche (z.B. hinter Gemälden) signifikant von kritischen 97% auf unkritische 87% senken konnte[1].
Dieses Prinzip lässt sich auf Wohnräume übertragen: Durch die Montage der Platten wird die innere Oberflächentemperatur der Wand angehoben. Warme Wände bedeuten weniger Risiko für Kondensat. Gleichzeitig puffert das Material Feuchtespitzen, die beispielsweise beim Duschen oder Kochen entstehen, ab.
Verarbeitung: Darauf müssen Sie achten
Die beste Platte nützt nichts, wenn sie falsch verarbeitet wird. Die Sanierung von Schimmelpilzschäden erfordert Sorgfalt und Fachwissen. Hier sind die wichtigsten Schritte für eine erfolgreiche Installation:
1. Vorbereitung des Untergrunds
Bevor die Platten angebracht werden, muss der vorhandene Schimmel vollständig und fachgerecht entfernt werden. Es reicht nicht, die Platten einfach über den Schimmel zu kleben! Befallene Tapeten und Gipsputze müssen runter. Die WTA-Richtlinien und der Leitfaden des Umweltbundesamtes empfehlen bei glatten Oberflächen eine Reinigung mit 80%igem Alkohol, bei porösen Untergründen (Putz) oft das Abfräsen oder Entfernen des Putzes[3][4]. Tragen Sie dabei unbedingt Schutzkleidung (Atemschutz P2/P3, Brille, Handschuhe), da bei der Sanierung extrem hohe Konzentrationen an Sporen freigesetzt werden können[3].
2. Vollflächige Verklebung
Dies ist der wichtigste Punkt: Kalziumsilikatplatten müssen zwingend vollflächig mit der Wand verklebt werden. Es dürfen keine Hohlräume (Lunker) zwischen Wand und Platte entstehen. In solchen Hohlräumen würde sich kühle Luft sammeln, Kondenswasser bilden und hinter der Platte unsichtbar neuer Schimmel wachsen. Verwenden Sie speziellen Systemkleber, der ebenfalls kapillaraktiv ist.
3. Oberflächenbeschichtung
Die Platten dürfen niemals mit herkömmlicher Dispersionsfarbe, Latexfarbe oder Vinyltapeten überzogen werden. Dies würde die Poren verschließen ("Versiegelung") und die Funktionsweise der Feuchteregulierung zerstören. Verwenden Sie ausschließlich Silikatfarben, Kalkfarben oder spezielle diffusionsoffene Spachtelmassen, die auf das System abgestimmt sind.
Gesundheitliche Aspekte: Mehr als nur Schimmelschutz
Der Einsatz von Kalziumsilikatplatten ist auch aus baubiologischer Sicht sinnvoll. Da Schimmelpilze Allergien (Typ I bis Typ IV), toxische Wirkungen und in seltenen Fällen Infektionen auslösen können[3], ist die Prävention oberstes Gebot. Besonders gefährdete Personen wie Allergiker, Asthmatiker oder immungeschwächte Menschen profitieren von einem schimmelfreien Raumklima.
Zudem emittieren Kalziumsilikatplatten keine gefährlichen Stoffe. Im Gegensatz zu manchen Schaumstoffen oder behandeltem Holz geben sie kein Formaldehyd oder andere VOCs (Volatile Organic Compounds) ab. Da sie rein mineralisch sind, bieten sie auch keinen Nährboden für Bakterien oder Ungeziefer.
Expertentipp: Keine halben Sachen
Sanieren Sie großflächig. Es bringt wenig, nur den sichtbaren Fleck von 20x20 cm abzudecken. Oft sind angrenzende Bereiche ebenfalls durchfeuchtet oder von Myzel durchzogen, auch wenn dies mit bloßem Auge noch nicht sichtbar ist. Eine Sanierung sollte idealerweise die gesamte betroffene Außenwand umfassen, um Wärmebrücken an den Rändern der Platten zu vermeiden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Können Kalziumsilikatplatten jeden Schimmel verhindern?
Sie sind extrem effektiv gegen Kondensationsfeuchte. Wenn jedoch Wasser von außen eindringt (z.B. durch Risse im Mauerwerk, defekte Dachrinnen oder aufsteigende Feuchte aus dem Fundament), müssen diese Ursachen zuerst behoben werden[3]. Die Platten können keine dauerhafte Durchfeuchtung durch Baumängel kompensieren.
Wie dick sollten die Platten sein?
Für die reine Schimmelsanierung reichen oft Plattenstärken von 25mm bis 30mm aus, um die Oberflächentemperatur über den Taupunkt zu heben. Soll auch eine nennenswerte energetische Dämmung erreicht werden, sind Stärken ab 50mm sinnvoll. Beachten Sie jedoch, dass bei zu dicken Innendämmungen der Taupunkt zu weit in die Wand wandern kann – hier sollte ein Energieberater konsultiert werden.
Kann ich Bilder oder Schränke an die Platten hängen?
Ja, aber mit Vorsicht. Kalziumsilikat ist druckfest, aber spröde. Leichte Bilder können mit speziellen Dübeln befestigt werden. Schwere Hängeschränke müssen mit langen Dübeln im dahinterliegenden Mauerwerk verankert werden. Wichtig: Große Möbelstücke sollten an Außenwänden immer einen Abstand von 5-10 cm zur Wand haben, um die Luftzirkulation nicht zu behindern[3].
Sind die Platten teuer?
Im Vergleich zu Styropor oder Gipskarton sind Kalziumsilikatplatten teurer in der Anschaffung. Betrachtet man jedoch die Langlebigkeit und die Vermeidung von wiederkehrenden Schimmelschäden (und damit verbundenen Gesundheitskosten oder Mietminderungen, die bis zu 100% betragen können[6]), ist die Investition meist sehr wirtschaftlich.
Muss ich trotzdem noch lüften?
Ja, unbedingt. Die Platten puffern Feuchtigkeit, müssen diese aber auch wieder abgeben können. Regelmäßiges Stoßlüften (mehrmals täglich 5-10 Minuten) ist essenziell, um die gespeicherte Feuchtigkeit nach außen zu transportieren[4]. Ohne Lüftung ist irgendwann auch die Aufnahmekapazität der besten Platte erschöpft.
Fazit
Kalziumsilikatplatten stellen derzeit eine der sichersten und nachhaltigsten Methoden dar, um Schimmelprobleme in Wohnräumen physikalisch zu lösen. Sie bekämpfen nicht nur das Symptom, sondern verändern die Bedingungen an der Wandoberfläche so, dass Schimmelpilze keine Lebensgrundlage mehr finden. Durch die Kombination aus hohem pH-Wert, extremer Saugfähigkeit und wärmedämmenden Eigenschaften bieten sie einen dreifachen Schutz.
Wichtig ist jedoch die Erkenntnis, dass sie Teil eines Gesamtkonzepts sein müssen. Die Analyse der Feuchtigkeitsursache, die fachgerechte Vorbehandlung des Untergrunds und ein angepasstes Lüftungsverhalten bleiben unverzichtbar. Wenn Sie diese Punkte beachten, holen Sie sich mit Kalziumsilikatplatten ein Stück Wohnqualität und Sicherheit zurück. Starten Sie jetzt Ihre Sanierung und atmen Sie wieder durch!
Quellen und Referenzen
- WTA Merkblatt E-6-3: Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos, Ausgabe 12.2023/D (insb. Kap. 3.2, 5.2, 11.2).
- TRBA 460: Einstufung von Pilzen in Risikogruppen, Technische Regeln für Biologische Arbeitsstoffe, Ausgabe Juli 2016.
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg: Schimmelpilze in Innenräumen – Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement, 2004.
- Umweltbundesamt: Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden, 2017.
- DIN 4108-2: Wärmeschutz und Energie-Einsparung in Gebäuden (Mindestanforderungen).
- AG Charlottenburg, Urteil v. 09.07.2007, Az.: 203 C 607/06 (Mietminderung bei Gesundheitsgefährdung).
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