Grüner Schimmel ist wohl eine der häufigsten und zugleich beunruhigendsten Entdeckungen, die man in den eigenen vier Wänden machen kann. Plötzlich zeigt sich auf der Blumenerde, am Brot, an der Tapete oder in den Fugen im Bad ein pelziger, grünlicher Belag. Viele Menschen reagieren instinktiv mit Ekel und Sorge – und das völlig zu Recht. Denn grüner Schimmel ist nicht nur ein optisches Problem, das auf zu hohe Feuchtigkeit hinweist, sondern kann auch ernsthafte gesundheitliche Risiken bergen. Doch nicht jeder grüne Fleck ist sofort ein Fall für den Bagger. In diesem umfassenden Leitfaden erfahren Sie, was genau grüner Schimmel ist, welche Pilzarten sich dahinter verbergen, wie er entsteht und vor allem: Wie Sie ihn effektiv und dauerhaft wieder loswerden.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Vielfalt: Hinter "grünem Schimmel" verbergen sich meist Arten der Gattungen Aspergillus (Gießkannenschimmel), Penicillium (Pinselschimmel) oder Trichoderma.
- Gesundheit: Sporen können Allergien auslösen und bei immungeschwächten Personen zu Infektionen führen. Einige Arten produzieren Toxine (Mykotoxine).
- Ursache: Hauptursache ist immer Feuchtigkeit. Bereits ab 80% relativer Luftfeuchte an der Materialoberfläche kann Wachstum beginnen.
- Entfernung: Glatte Flächen können oft gereinigt werden. Poröse Materialien (Tapeten, Gipskarton) müssen bei Befall meist entfernt werden.
- Vorsicht: Hausmittel wie Essig sind oft kontraproduktiv, da sie auf kalkhaltigen Untergründen Nährstoffe für den Pilz liefern können.
Was ist grüner Schimmel eigentlich?
Der Begriff "grüner Schimmel" ist keine wissenschaftliche Bezeichnung für eine einzelne Pilzart. Vielmehr beschreibt er das optische Erscheinungsbild verschiedener Schimmelpilzgattungen, die grüne Pigmente (meist in ihren Sporen) bilden. Die Färbung dient den Pilzen oft als Schutz vor UV-Strahlung, ähnlich wie Melanin beim Menschen. Wenn Sie grünen Belag in Ihrer Wohnung entdecken, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Vertreter der folgenden Gattungen:
1. Aspergillus (Gießkannenschimmel)
Die Gattung Aspergillus ist in Innenräumen sehr weit verbreitet. Besonders relevant ist hier der Aspergillus fumigatus. Er ist thermotolerant, was bedeutet, dass er auch bei höheren Temperaturen (bis zu 50°C und mehr) wachsen kann[1]. Diese Eigenschaft macht ihn besonders gefährlich für den Menschen, da er sich auch bei Körpertemperatur (37°C) in der Lunge vermehren kann. In der offiziellen Einstufung biologischer Arbeitsstoffe wird Aspergillus fumigatus daher der Risikogruppe 2 zugeordnet, was bedeutet, dass er Krankheiten beim Menschen hervorrufen kann[2].
2. Penicillium (Pinselschimmel)
Auch Penicillium-Arten treten häufig in grünlichen Farbtönen auf. Sie sind klassische Indikatoren für Feuchteschäden. Arten wie Penicillium chrysogenum oder Penicillium expansum finden sich oft auf Lebensmitteln (z.B. Obst, Brot), aber auch auf feuchten Tapeten und Matratzen. Sie produzieren eine Vielzahl von Sporen, die leicht über die Luft verbreitet werden. Die meisten Penicillium-Arten werden der Risikogruppe 1 (unwahrscheinlich, dass sie Krankheiten verursachen) oder 2 zugeordnet[2].
3. Trichoderma
Ein weiterer Kandidat für grünen Belag, insbesondere auf sehr feuchtem Holz oder Karton, ist Trichoderma viride. Dieser Pilz benötigt sehr viel Feuchtigkeit und wächst oft rasant. Er ist bekannt dafür, dass er Zellulose (Papier, Holz) sehr aggressiv zersetzt. Auch Trichoderma wird in der Regel der Risikogruppe 1 oder 2 zugeordnet, je nach spezifischer Art[2].
Achtung: Verwechslungsgefahr
Rein optisch lässt sich für den Laien kaum unterscheiden, ob es sich um einen vergleichsweise harmlosen Penicillium oder den gesundheitlich bedenklicheren Aspergillus fumigatus handelt. Eine genaue Bestimmung ist nur durch eine Laboranalyse (Kultivierung oder Mikroskopie) möglich. Gehen Sie daher bei jedem Schimmelbefall vorsichtig vor und treffen Sie Schutzmaßnahmen.
Ursachen: Warum wächst grüner Schimmel?
Damit Schimmelpilze wachsen können, benötigen sie im Wesentlichen drei Dinge: Feuchtigkeit, Nährstoffe und eine geeignete Temperatur. Da Nährstoffe in Wohnräumen fast überall vorhanden sind (Hausstaub, Tapetenkleister, Holz, Textilien) und die Temperaturen in unseren Wohnungen meist im optimalen Wachstumsbereich der Pilze liegen (ca. 20°C bis 30°C)[3], ist die Feuchtigkeit der limitierende Faktor.
Die kritische Grenze: 80% relative Luftfeuchte
Viele Menschen glauben, Schimmel entsteht erst, wenn Wände nass sind oder Kondenswasser herunterläuft. Das ist ein Irrtum. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Schimmelpilzwachstum bereits beginnt, wenn die relative Luftfeuchtigkeit direkt an der Materialoberfläche über einen längeren Zeitraum etwa 80% beträgt (dies entspricht einer Wasseraktivität bzw. einem aW-Wert von 0,8)[3]. In den Poren des Materials herrscht dann ein Mikroklima, das die Auskeimung der Sporen ermöglicht.
Typische Schadensursachen
- Bauliche Mängel: Wärmebrücken (schlecht gedämmte Ecken, Fensterstürze) führen dazu, dass Wände im Winter auskühlen. Warme Raumluft kühlt an diesen Stellen ab, die relative Feuchte steigt lokal stark an, bis hin zur Tauwasserbildung.
- Wasserschäden: Ein Rohrbruch oder ein undichtes Dach führen zu massiver Durchfeuchtung. Hier wachsen oft schnell "Nässezeiger" wie Stachybotrys (schwarz) oder Trichoderma (grün).
- Falsches Lüften: In gut gedämmten Neubauten oder sanierten Altbauten findet kaum noch ein natürlicher Luftwechsel statt. Wird die durch Duschen, Kochen und Atmen produzierte Feuchtigkeit nicht aktiv weggelüftet, steigt die Luftfeuchte im Raum an.
- Neubaufeuchte: In neuen Gebäuden ist oft noch viel Wasser in Beton und Estrich gebunden, das erst über Monate entweichen muss[1].
Gesundheitliche Risiken durch grünen Schimmel
Die Frage "Ist grüner Schimmel gefährlich?" muss differenziert betrachtet werden. Für gesunde Erwachsene stellt eine geringe Belastung oft kein akutes Risiko dar, dennoch sollte Schimmel im Wohnraum aus hygienischen Gründen grundsätzlich nicht toleriert werden (Minimierungsgebot)[1].
Allergien und Reizungen
Schimmelpilze produzieren Sporen in riesigen Mengen, um sich zu verbreiten. Diese Sporen enthalten Proteine, die als Allergene wirken können. Über die Atemluft gelangen sie in den Körper und können bei sensibilisierten Personen allergische Reaktionen auslösen. Typische Symptome sind Fließschnupfen, Augenreizungen, Husten und im schlimmsten Fall allergisches Asthma (Typ-I-Allergie)[1]. Auch Hautausschläge oder eine Verschlechterung von Neurodermitis sind möglich.
Infektionen (Mykosen)
Wie bereits erwähnt, ist Aspergillus fumigatus ein pathogener Vertreter, der oft grünlich erscheint. Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem (z.B. nach Transplantationen, Chemotherapie, bei AIDS oder schweren Lungenerkrankungen) kann dieser Pilz Organe befallen, insbesondere die Lunge (invasive Aspergillose). Dies ist eine sehr ernste, oft lebensbedrohliche Erkrankung[1].
Toxische Wirkungen (Mykotoxine)
Einige grüne Schimmelpilze produzieren Stoffwechselprodukte, die für Menschen und Tiere giftig sind, sogenannte Mykotoxine. Ein bekanntes Beispiel ist das Aflatoxin, das von Aspergillus flavus (gelb-grün) gebildet werden kann und als krebserregend gilt. Auch Penicillium-Arten können Toxine wie Ochratoxin A bilden. Diese Toxine werden meist über die Nahrung aufgenommen, können aber auch in stark belasteten Stäuben vorkommen[1]. Hinzu kommen MVOCs (Microbial Volatile Organic Compounds) – das sind flüchtige organische Verbindungen, die den typischen muffigen Schimmelgeruch erzeugen und Reizungen der Schleimhäute sowie Kopfschmerzen verursachen können[1].
Grünen Schimmel entfernen: So gehen Sie vor
Die Sanierung eines Schimmelbefalls erfordert Sorgfalt. Das Umweltbundesamt und das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg unterscheiden zwischen kleineren Schäden (unter 0,5 m²), die man oft selbst beheben kann, und großen Schäden, die in die Hände von Fachfirmen gehören[1].
Schritt 1: Schutzmaßnahmen
Bevor Sie dem Schimmel zu Leibe rücken, schützen Sie sich. Tragen Sie Handschuhe, eine Schutzbrille und eine Atemschutzmaske (mindestens P2, besser P3), um das Einatmen von Sporen zu verhindern. Schließen Sie die Türen zu anderen Wohnräumen, um eine Verbreitung der Sporen zu vermeiden[1].
Schritt 2: Glatte Oberflächen reinigen
Auf glatten, nicht porösen Oberflächen (Glas, Metall, Keramik, lackiertes Holz) sitzt der Schimmel meist nur oberflächlich. Hier reicht es oft, den Befall mit Wasser und einem Haushaltsreiniger abzuwaschen. Anschließend sollte die Fläche desinfiziert werden. Hierfür eignet sich 70%iger bis 80%iger Ethylalkohol (Spiritus) oder Isopropylalkohol[1].
Profi-Tipp: Alkohol richtig anwenden
Alkohol wirkt desinfizierend und verdunstet rückstandsfrei. Wichtig ist eine Konzentration von 70-80%. Reiner Alkohol (100%) verflüchtigt sich zu schnell und dringt nicht gut in die Zellwände der Pilze ein. Achten Sie bei der Anwendung auf gute Lüftung und vermeiden Sie offenes Feuer (Explosionsgefahr!).
Schritt 3: Poröse Materialien sanieren
Bei porösen Materialien wie Tapeten, Gipskartonplatten oder Holzwerkstoffen wächst das Myzel (das Wurzelgeflecht des Pilzes) oft tief in den Untergrund ein. Oberflächliches Abwischen entfernt nur die Fruchtkörper, der Pilz wächst aber schnell wieder nach.
Tapeten: Befallene Tapeten müssen angefeuchtet (um Staubaufwirbelung zu vermeiden) und entfernt werden. Auch der Putz darunter sollte geprüft und ggf. abgeschliffen oder erneuert werden[1].
Silikonfugen: Grüner Schimmel in Silikonfugen lässt sich selten reinigen, da der Pilz im Silikon sitzt. Die Fugenmasse muss komplett herausgeschnitten und erneuert werden.
Polstermöbel & Textilien: Stark befallene Sofas oder Matratzen lassen sich im Inneren kaum reinigen und sollten entsorgt werden, da eine Gesundheitsgefahr durch verbleibende Sporen und Toxine besteht[1].
Warnung: Kein Essig bei Schimmel auf der Wand!
Ein weit verbreiteter Irrtum ist die Nutzung von Essig oder Essigessenz zur Schimmelbekämpfung auf Wänden. Viele Baustoffe (Kalkputz, Beton) sind alkalisch und neutralisieren die Säure. Schlimmer noch: Der Essig enthält organische Nährstoffe, die dem Schimmel nach der Neutralisation als perfekter Nährboden dienen und das Wachstum sogar fördern können[1]. Greifen Sie lieber zu Alkohol oder Wasserstoffperoxid.
Schritt 4: Ursachenbeseitigung
Die wichtigste Maßnahme ist das Trockenlegen der betroffenen Stelle. Solange Feuchtigkeit nachkommt, wird der Schimmel immer wiederkehren. Überprüfen Sie Ihr Lüftungsverhalten, stellen Sie Möbel von kalten Außenwänden ab (mind. 5-10 cm Abstand) und lassen Sie bauliche Mängel (Risse, undichte Dächer, Wärmebrücken) von Fachleuten beheben.
Mietrecht: Mietminderung bei grünem Schimmel
Schimmel in der Mietwohnung führt oft zu Streit zwischen Mieter und Vermieter. Die zentrale Frage ist meist: Liegt ein Baumangel vor oder wurde falsch gelüftet? Grundsätzlich gilt Schimmelbefall als Mangel der Mietsache, der zu einer Mietminderung berechtigen kann. Die Höhe der Minderung hängt vom Ausmaß der Beeinträchtigung ab.
Die Rechtsprechung ist hier sehr einzelfallbezogen. Einige Beispiele aus der Gerichtspraxis:
- 100% Minderung: Bei erheblicher gesundheitlicher Gefährdung (z.B. toxischer Schimmelbefall), der die Wohnung unbewohnbar macht (AG Charlottenburg, 2007)[4].
- 20% Minderung: Bei erheblichem Schimmelbefall in Wohn-, Schlafzimmer und Bad (LG Osnabrück, 1989)[4].
- 10% Minderung: Bei Schimmelbildung und muffigem Geruch, selbst wenn der Mieter eine Teilschuld trägt (LG Hannover)[4].
- 0% Minderung: Wenn der Schimmel ausschließlich durch falsches Heiz- und Lüftungsverhalten des Mieters verursacht wurde (LG Lüneburg, 1987)[4].
Hinweis: Dies stellt keine Rechtsberatung dar. Im Streitfall sollten Sie immer einen Anwalt oder Mieterverein konsultieren und Gutachten einholen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist grüner Schimmel weniger gefährlich als schwarzer Schimmel?
Nicht unbedingt. Die Farbe allein sagt wenig über die Gefährlichkeit aus. Zwar produziert der berühmte "Schwarze Schimmel" (Stachybotrys chartarum) sehr potente Toxine, aber auch grüner Schimmel wie Aspergillus fumigatus kann schwere Infektionen auslösen und Allergien verursachen. Jeder Schimmelbefall im Innenraum sollte ernst genommen werden[1].
Kann ich Schimmel einfach überstreichen?
Nein. Einfache Wandfarbe deckt den Schimmel nur kurzzeitig ab, tötet ihn aber nicht. Er wächst durch die Farbe hindurch. Spezielle Anti-Schimmel-Farben enthalten Fungizide, wirken aber nur vorbeugend und sollten nicht dauerhaft in Wohnräumen eingesetzt werden, da die Wirkstoffe ausgasen können. Der Befall muss entfernt, nicht überdeckt werden.
Helfen Chlorreiniger gegen grünen Schimmel?
Chlorhaltige Reiniger (Natriumhypochlorit) sind sehr effektiv in der Abtötung und bleichen die dunklen Flecken weg. Allerdings sind die Dämpfe reizend für die Atemwege und belasten die Raumluft. Für kleine Flächen im Bad sind sie vertretbar, für großflächige Anwendungen in Wohnräumen ist Alkohol oder Wasserstoffperoxid vorzuziehen[1].
Wie vermeide ich Schimmel im Schlafzimmer?
Schlafzimmer sind oft kühler als der Rest der Wohnung, was die Kondensation an Außenwänden fördert. Zudem gibt jeder Schläfer pro Nacht bis zu einem halben Liter Wasser ab. Lüften Sie morgens sofort kräftig (Stoßlüften bei weit geöffnetem Fenster) für 5-10 Minuten. Halten Sie die Türen zu wärmeren Räumen (Bad, Wohnzimmer) geschlossen oder heizen Sie das Schlafzimmer tagsüber leicht mit.
Fazit
Grüner Schimmel in der Wohnung ist ein Warnsignal, das Sie nicht ignorieren sollten. Er deutet immer auf ein Feuchtigkeitsproblem hin – sei es durch bauliche Mängel oder ungünstiges Lüftungsverhalten. Während kleine Flecken oft selbst mit Alkohol beseitigt werden können, erfordern größere Befallsflächen professionelle Hilfe, um Gesundheitsrisiken durch Sporen und Toxine zu vermeiden. Handeln Sie zügig, um die Bausubstanz und vor allem Ihre Gesundheit zu schützen.
Quellen und Referenzen
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, "Schimmelpilze in Innenräumen – Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement", Dezember 2004 (basierend auf UBA Leitfaden).
- Ausschuss für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS), TRBA 460 "Einstufung von Pilzen in Risikogruppen", Ausgabe Juli 2016 (geändert 2023).
- Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege e.V. (WTA), Merkblatt E-6-3 "Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos", Ausgabe 12.2023/D.
- Joachim Dospil / Hedwig Hanhörster, "Mietminderungstabelle Schimmel", Tabellen für die Rechtspraxis, Carl Heymanns Verlag.
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