Der Schreck sitzt tief: Sie schieben eine Kommode zur Seite oder schauen genauer in die Ecke hinter dem Vorhang, und da ist er – ein pelziger, grünlicher Belag an der Wand. Grüner Schimmel ist nicht nur ein optisches Ärgernis, das das gepflegte Erscheinungsbild Ihrer Wohnräume zerstört. Er ist ein ernstzunehmendes Warnsignal Ihres Gebäudes und eine potenzielle Gefahr für Ihre Gesundheit. Anders als oft vermutet, ist die Farbe Grün bei Schimmelpilzen kein Indikator für Harmlosigkeit. Oft verbergen sich dahinter Arten wie Aspergillus fumigatus oder verschiedene Penicillium-Arten, die Allergien auslösen und bei immungeschwächten Personen sogar Infektionen verursachen können. In diesem umfassenden Ratgeber erfahren Sie fundiert und wissenschaftlich belegt, was grüner Schimmel eigentlich ist, warum er entsteht und wie Sie ihn dauerhaft und sicher entfernen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Gesundheitsgefahr: Grüner Schimmel (oft Aspergillus oder Penicillium) kann Allergien, Atemwegsbeschwerden und bei Risikogruppen Infektionen auslösen.
- Ursache Feuchtigkeit: Schimmel benötigt zum Wachsen eine relative Luftfeuchtigkeit von mindestens 70 % bis 80 % an der Materialoberfläche.
- Schnelles Handeln: Kleine Befallsstellen (< 0,5 m²) können oft selbst saniert werden; größere Schäden gehören in die Hände von Fachfirmen.
- Falsches Lüften: Kondensationsfeuchte durch falsches Lüftungsverhalten oder Wärmebrücken ist die häufigste Ursache für grünen Schimmel an Wänden.
- Rechtliche Folgen: Bei mietrechtlichen Auseinandersetzungen drohen Mietminderungen, sofern der Mangel nicht vom Mieter verursacht wurde.
Was ist grüner Schimmel eigentlich?
Wenn wir umgangssprachlich von "grünem Schimmel" sprechen, beziehen wir uns auf das makroskopische Erscheinungsbild der Pilzkolonie. Biologisch betrachtet handelt es sich dabei jedoch nicht um eine einzelne Art, sondern um eine Vielzahl verschiedener Pilzspezies, die grüne Sporen oder Myzelien ausbilden. Die Farbe dient dabei oft als erstes Indiz zur Bestimmung, ersetzt aber keine Laboranalyse.
Zu den häufigsten Vertretern, die als grüner Belag an Innenraumwänden auftreten, gehören Arten der Gattungen Aspergillus (Gießkannenschimmel), Penicillium (Pinselschimmel) und Trichoderma. Gemäß der Technischen Regel für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA 460) werden Pilze in Risikogruppen eingeteilt. Viele der grün erscheinenden Pilze, wie etwa Penicillium chrysogenum, gehören der Risikogruppe 1 an, was bedeutet, dass es unwahrscheinlich ist, dass sie beim Menschen Krankheiten verursachen. Dennoch gibt es Ausnahmen: Der oft grün-bläulich erscheinende Aspergillus fumigatus wird in die Risikogruppe 2 eingestuft und gilt als opportunistischer Erreger, der bei immungeschwächten Personen schwere Infektionen (Aspergillosen) auslösen kann[1].
Auch der Pilz Trichoderma viride tritt häufig als grüner Belag auf feuchten Tapeten oder Gipskartonplatten auf. Er ist bekannt für seine hohe Enzymaktivität und kann Materialien wie Zellulose sehr schnell zersetzen. Die Unterscheidung, um welchen Pilz es sich genau handelt, ist für den Laien mit bloßem Auge kaum möglich, da die Färbung je nach Nährboden und Wachstumsstadium variieren kann.
Ursachenforschung: Warum wächst Schimmel an der Wand?
Schimmelpilzsporen sind ein natürlicher Bestandteil unserer Luft. Sie werden erst dann zum Problem, wenn sie im Innenraum Bedingungen vorfinden, die ihnen das Auskeimen und Wachsen ermöglichen. Das entscheidende Kriterium hierfür ist Feuchtigkeit. Ohne Wasser gibt es kein mikrobielles Wachstum.
Das Zusammenspiel von Temperatur und Feuchte
Um das Wachstum zu verstehen, muss man die bauphysikalischen Grundlagen betrachten. Pilze benötigen nicht zwingend flüssiges Wasser (wie bei einem Rohrbruch); oft reicht eine erhöhte relative Luftfeuchte direkt an der Wandoberfläche aus. Wissenschaftliche Untersuchungen und Prognosemodelle, wie sie im WTA-Merkblatt E-6-3 beschrieben werden, zeigen, dass die Wachstumsgrenze für die meisten Schimmelpilze bei einer relativen Luftfeuchte von etwa 80 % liegt. Einige xerophile (trockenheitsliebende) Pilze können sogar schon ab 70 % relativer Feuchte wachsen[2].
Ein kritisches Phänomen ist hierbei die sogenannte Kapillarkondensation. Selbst wenn die Raumluft "nur" 50 % oder 60 % Luftfeuchte hat, kann es an kühlen Außenwänden (Wärmebrücken) zur Abkühlung der Luft kommen. Da kalte Luft weniger Feuchtigkeit speichern kann als warme, steigt die relative Feuchte direkt an der kühlen Wand rapide an. Erreicht sie dort über längere Zeit Werte von 80 % (entsprechend einer Wasseraktivität, dem aw-Wert, von 0,8), finden Sporen ideale Keimbedingungen[2].
Der Nährboden: Tapete und Farbe
Neben Feuchtigkeit benötigt grüner Schimmel Nährstoffe. In unseren Wohnungen sind diese im Überfluss vorhanden. Tapeten (Zellulose), Kleister, Dispersionsfarben oder auch einfacher Hausstaub, der sich auf den Wänden absetzt, bieten ein reichhaltiges Buffet für Pilze. Besonders auf Raufasertapeten findet man häufig grünen Schimmel, da diese organische Substanzen bieten, die leicht verstoffwechselt werden können. Untersuchungen zeigen, dass selbst "saubere" mineralische Untergründe wie Putz oder Beton besiedelt werden können, wenn sich darauf organischer Staub oder Fettablagerungen (z. B. in der Küche) befinden[3].
Achtung: Versteckter Schimmel
Oft ist der sichtbare grüne Belag nur die Spitze des Eisbergs. Wenn Feuchtigkeit tief in das Mauerwerk eingedrungen ist oder hinter Wandverkleidungen und Fußleisten kondensiert, kann sich der Schimmel im Verborgenen ausbreiten. Ein modriger, erdiger Geruch ist oft das erste Indiz für einen versteckten Befall, auch wenn noch keine Flecken sichtbar sind[3].
Gesundheitliche Risiken durch grünen Schimmel
Die gesundheitliche Bewertung von Schimmelpilzbefall im Innenraum ist komplex. Grundsätzlich gilt: Schimmelpilze gehören nicht in den Wohnraum. Die Exposition gegenüber Sporen, Myzelbruchstücken und Stoffwechselprodukten (wie MVOCs – mikrobielle flüchtige organische Verbindungen) stellt ein hygienisches Problem dar.
Allergien und Sensibilisierung
Das häufigste Gesundheitsrisiko ist die allergene Wirkung. Nahezu alle Schimmelpilze sind in der Lage, Allergien auszulösen. Dies betrifft Typ-I-Allergien (Soforttyp, wie Heuschnupfen oder Asthma) sowie Typ-III- und Typ-IV-Allergien. Besonders problematisch ist, dass Allergene nicht nur an lebende Sporen gebunden sind, sondern auch an abgestorbene Pilzteile. Selbst nach einer Trocknung des Befalls bleibt das allergene Potenzial oft bestehen[3]. Symptome können Fließschnupfen, Augenreizungen, Husten oder Hautausschläge sein. Personen mit einer Atopie (erhöhte Neigung zu Allergien) sind besonders gefährdet.
Infektionsgefahr
Während Allergien viele Menschen betreffen können, ist die Infektionsgefahr (Mykose) vor allem für immungeschwächte Personen relevant. Hierbei spielt der bereits erwähnte Aspergillus fumigatus eine zentrale Rolle. Er ist thermotolerant, das heißt, er kann bei Körpertemperatur (37 °C) wachsen und somit die Lunge befallen. Dieser Pilz wird in der TRBA 460 explizit der Risikogruppe 2 zugeordnet und erfordert bei Sanierungsarbeiten erhöhte Schutzmaßnahmen[1].
Toxische Wirkungen (Mykotoxine)
Einige Schimmelpilze produzieren unter bestimmten Bedingungen Mykotoxine (Pilzgifte). Bekannt ist dies vor allem beim "schwarzen Schimmel" (Stachybotrys), aber auch grüne Arten wie Aspergillus versicolor (produziert Sterigmatocystin) oder verschiedene Penicillium-Arten (produzieren z.B. Ochratoxin A) können Toxine bilden. Diese Stoffe können über die Atemluft aufgenommen werden und unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Schleimhautreizungen verursachen[3]. Die Produktion dieser Toxine hängt stark vom Nährboden und Stressfaktoren des Pilzes ab.
Grünen Schimmel entfernen: Schritt-für-Schritt
Haben Sie grünen Schimmel entdeckt, ist schnelles Handeln gefragt. Die Vorgehensweise hängt jedoch stark von der Größe des Befalls ab. Der Leitfaden des Umweltbundesamtes und Berichte der Landesgesundheitsämter unterscheiden hierbei zwischen kleinen Schäden (unter 0,5 m²) und großen Schäden.
1. Kleine Schäden selbst sanieren (< 0,5 m²)
Oberflächliche Befälle, die kleiner als ein halber Quadratmeter sind und nicht auf bauliche Mängel zurückzuführen sind, können von gesunden Personen (keine Allergiker!) selbst entfernt werden.
- Schutzmaßnahmen: Tragen Sie Handschuhe, eine Schutzbrille und eine Atemschutzmaske (mindestens FFP2), um das Einatmen von Sporen zu verhindern.
- Glatte Oberflächen: Auf Glas, Metall oder Keramik kann der Schimmel meist mit Wasser und Haushaltsreiniger abgewaschen werden. Anschließend empfiehlt sich eine Desinfektion mit 70-80%igem Ethylalkohol (Spiritus) oder Isopropylalkohol. Achtung: Brandgefahr beachten, gut lüften![4].
- Poröse Oberflächen (Wand/Tapete): Hier sitzt der Schimmel oft tiefer. Befallene Tapeten sollten angefeuchtet (um Sporenflug zu vermeiden) und vorsichtig entfernt werden. Der Putz darunter muss geprüft werden. Ist er ebenfalls befallen, muss er abgefräst oder abgeschlagen werden.
- Desinfektion: Chemische "Anti-Schimmel-Sprays" auf Chlorbasis sind effektiv, belasten aber die Raumluft und sollten nur mit Vorsicht eingesetzt werden. Wasserstoffperoxid ist eine gute Alternative, da es zu Wasser und Sauerstoff zerfällt. Alkohol ist für poröse Wände weniger geeignet, da er schnell verdunstet und nicht tief genug eindringt.
2. Große Schäden (> 0,5 m²)
Ist die befallene Fläche größer als ein halber Quadratmeter oder ist die Ursache unklar (z.B. Verdacht auf Rohrbruch oder Baumangel), sollten Sie eine Fachfirma beauftragen. Bei unsachgemäßer Sanierung großer Flächen werden Milliarden von Sporen in die Luft freigesetzt, die die gesamte Wohnung kontaminieren können. Fachfirmen arbeiten mit Staubschutzwänden, Unterdruckhaltung und speziellen Feinreinigungsmethoden, um eine Ausbreitung zu verhindern[4].
3. Ursachenbeseitigung ist Pflicht
Das Wichtigste bei jeder Sanierung: Ohne Beseitigung der Feuchtigkeitsursache kommt der Schimmel wieder. Es nützt nichts, den Schimmel abzutöten, wenn die Wand feucht bleibt. Überprüfen Sie Ihr Lüftungsverhalten, kontrollieren Sie Möbelabstände zu Außenwänden und lassen Sie bauliche Mängel (Wärmebrücken, undichte Dächer) beheben.
Rechtliche Aspekte: Mietminderung bei Schimmel
Schimmel in der Mietwohnung ist einer der häufigsten Streitpunkte zwischen Mieter und Vermieter. Grundsätzlich gilt Schimmel als Mangel der Mietsache, der zur Mietminderung berechtigt – vorausgesetzt, der Mieter hat den Mangel nicht selbst verursacht (z.B. durch unzureichendes Lüften).
Die Rechtsprechung ist hier sehr einzelfallbezogen. So urteilte das Landgericht Berlin (GE 1991, 625), dass bei erheblicher Durchfeuchtung und Schimmelbefall in Küche, Wohn- und Schlafzimmer eine Mietminderung von bis zu 80 % gerechtfertigt sein kann[5]. Bei "kleinflächigem Schimmel" an Wänden aller Räume sah das Amtsgericht Königs Wusterhausen (Urteil vom 11.05.2007) eine Minderung von 20 % als angemessen an[5].
Wichtig ist jedoch: Wenn der Mieter durch falsches Wohnverhalten (z.B. Wäschetrocknen in der Wohnung ohne ausreichendes Lüften, Zustellen von Außenwänden) den Schimmel verursacht hat, entfällt das Minderungsrecht oft, oder der Mieter wird sogar schadenersatzpflichtig. Das Landgericht Konstanz entschied beispielsweise, dass bei einer Mitschuld des Mieters (falsches Lüften trotz Hinweis) die Minderung auf 10 % beschränkt sein kann[5]. Eine genaue Klärung der Ursache (Bauwerksmangel vs. Nutzerverhalten) durch einen Sachverständigen ist daher oft unumgänglich.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist grüner Schimmel weniger gefährlich als schwarzer Schimmel?
Nicht unbedingt. Die Farbe allein sagt wenig über die Gefährlichkeit aus. Zwar produziert der berüchtigte "Schwarze Schimmel" (Stachybotrys chartarum) sehr potente Toxine, aber auch grüne Schimmelpilze wie Aspergillus fumigatus können schwere Infektionen und starke allergische Reaktionen auslösen. Jeder Schimmelbefall im Innenraum sollte aus hygienischer Sicht entfernt werden[3].
Kann ich einfach über den Schimmel streichen?
Nein, das ist keine Lösung. Wenn Sie Schimmel einfach überstreichen, lebt der Pilz unter der Farbe weiter und wird früher oder später wieder durchschlagen. Zudem bleibt die Biomasse (auch abgestorbene) allergen. Der Schimmel muss vollständig entfernt (desinfiziert und abgetragen) werden, bevor neu gestrichen wird.
Helfen Hausmittel wie Essig gegen grünen Schimmel?
Essig wird oft empfohlen, ist aber auf mineralischen Untergründen (Kalkputz, Beton) kontraproduktiv. Der Kalk neutralisiert die Säure, und die im Essig enthaltenen organischen Stoffe dienen dem Pilz anschließend sogar als Nährstoffquelle. Besser geeignet ist 70-80%iger Alkohol (Ethanol oder Isopropanol) oder Wasserstoffperoxid[4].
Wie kann ich testen, um welchen Schimmel es sich handelt?
Es gibt Selbsttests für zu Hause (z.B. Sedimentationsplatten oder Abklatschproben). Diese geben einen ersten Hinweis auf die Belastung. Für eine genaue Bestimmung der Art und der Konzentration sowie für rechtlich belastbare Ergebnisse ist jedoch eine professionelle Luftkeimmessung durch einen Sachverständigen und eine Auswertung im Fachlabor notwendig[3].
Muss ich bei grünem Schimmel sofort ausziehen?
Das hängt von der Schwere des Befalls und Ihrem Gesundheitszustand ab. Bei kleinen Befallsstellen ist ein Auszug meist nicht nötig. Bei großflächigem Befall (> 0,5 m²) oder wenn Bewohner Symptome zeigen (Asthma, Allergien), sollte eine Nutzung der Räume vermieden werden, bis der Schaden saniert ist. Bei Risikogruppen (Babys, Immungeschwächte) ist besondere Vorsicht geboten.
Fazit
Grüner Schimmel an der Wand ist ein ernstzunehmendes Signal für Feuchtigkeitsprobleme in Ihrem Zuhause. Auch wenn er oft harmloser wirkt als der gefürchtete schwarze Schimmel, gehen von Arten wie Aspergillus und Penicillium signifikante Gesundheitsrisiken aus, insbesondere durch Allergene und bei immungeschwächten Personen durch Infektionen.
Der Schlüssel zur dauerhaften Beseitigung liegt nicht allein im Abtöten des Pilzes, sondern im Entzug seiner Lebensgrundlage: der Feuchtigkeit. Kontrollieren Sie Ihr Lüftungsverhalten, überprüfen Sie die Bausubstanz auf Wärmebrücken und handeln Sie bei Entdeckung sofort. Kleinere Stellen können Sie mit den richtigen Mitteln und Schutzmaßnahmen selbst beseitigen, bei größeren Schäden ist professionelle Hilfe unerlässlich. Nehmen Sie grünen Schimmel nicht auf die leichte Schulter – für ein gesundes Wohnklima und Ihr Wohlbefinden.
Quellen und Referenzen
- Ausschuss für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS): TRBA 460 - Einstufung von Pilzen in Risikogruppen, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Ausgabe Juli 2016 (geändert 2023).
- Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege e
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