Die energetische Sanierung von Bestandsgebäuden ist eines der zentralen Themen unserer Zeit. Hausbesitzer suchen nach effizienten Wegen, Heizkosten zu senken und den Wohnkomfort zu steigern. Eine besonders beliebte Methode ist die Einblasdämmung, da sie oft kostengünstig und ohne massive bauliche Eingriffe realisierbar ist. Doch immer wieder taucht in diesem Zusammenhang ein Schreckgespenst auf: Schimmel. Führt die nachträgliche Dämmung dazu, dass das Haus "nicht mehr atmen" kann? Entstehen durch Fehler bei der Einblasdämmung erst recht Wärmebrücken, die als Nährboden für Pilzsporen dienen? Dieser Artikel beleuchtet die bauphysikalischen Zusammenhänge, die biologischen Wachstumsbedingungen von Schimmelpilzen und die gesundheitlichen sowie rechtlichen Konsequenzen fundiert und wissenschaftlich basiert.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Ursache statt Wirkung: Fachgerecht ausgeführte Einblasdämmung erhöht die Oberflächentemperatur der Wände und senkt das Schimmelrisiko, statt es zu erhöhen.
- Wachstumsbedingungen: Schimmel benötigt Feuchtigkeit (ab 70% rel. Luftfeuchte an der Oberfläche), Nährstoffe und passende Temperaturen[1].
- Gesundheitsgefahr: Bestimmte Schimmelpilzarten wie Stachybotrys chartarum oder Aspergillus fumigatus stellen ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko dar (Allergien, Infektionen)[2].
- Rechtliche Folgen: Bei erheblichem Schimmelbefall drohen Mietminderungen von bis zu 100%[3].
- Prävention: Wärmebrückenfreiheit und ein angepasstes Lüftungsverhalten sind essenziell nach der Dämmung.
Bauphysikalische Grundlagen: Warum entsteht Schimmel nach der Dämmung?
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Dämmung per se Schimmel verursacht. Physikalisch betrachtet ist oft das Gegenteil der Fall. Schimmelpilze wachsen dort, wo sie Feuchtigkeit finden. Diese Feuchtigkeit entsteht in Innenräumen meist durch Kondensation warmer Raumluft an kalten Oberflächen. Eine effektive Einblasdämmung sorgt dafür, dass die innere Wandoberfläche wärmer bleibt, wodurch das Risiko der Tauwasserbildung sinkt. Dennoch gibt es Szenarien, in denen nach einer Sanierung Probleme auftreten.
Das Problem der Wärmebrücken
Wenn eine Einblasdämmung nicht lückenlos ausgeführt wird, entstehen sogenannte Wärmebrücken. Dies sind Bereiche, in denen die Wärme schneller nach außen transportiert wird als in den angrenzenden gedämmten Bereichen. Die Folge: Die Oberflächentemperatur sinkt an diesen Stellen punktuell stark ab. Nach dem WTA-Merkblatt zur rechnerischen Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos ist nicht zwingend flüssiges Wasser (Kondensat) nötig. Bereits eine relative Luftfeuchte von 80% an der Bauteiloberfläche reicht aus, um das Wachstum fast aller Schimmelpilzarten zu ermöglichen[1]. Bei bestimmten xerophilen (trockenliebenden) Pilzen beginnt das Wachstum sogar schon bei ca. 70% relativer Feuchte.
Achtung: Gefahr durch Setzungen
Bei der Einblasdämmung (z.B. mit Zellulose oder Mineralwolle) muss die Verdichtung korrekt sein. Sackt das Material im Laufe der Jahre ab, entstehen im oberen Wandbereich ungedämmte Hohlräume. Diese werden zu klassischen Wärmebrücken, an denen sich Kondensat bildet und Schimmel entsteht.
Verändertes Raumklima und Lüftungsverhalten
Ältere Gebäude besitzen oft undichte Fenster und Fugen, durch die ein stetiger, ungewollter Luftwechsel stattfindet (Infiltration). Wird im Zuge der Sanierung neben der Einblasdämmung auch die Gebäudehülle abgedichtet (z.B. durch neue Fenster), entfällt dieser natürliche Luftaustausch. Die im Haushalt produzierte Feuchtigkeit (durch Atmen, Kochen, Duschen) verbleibt im Raum. Steigt die relative Luftfeuchte dauerhaft an, erhöht sich der Wasserdampfdruck in den Poren der Wandoberflächen. Das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg weist darauf hin, dass bauliche Veränderungen, die den Luftaustausch verringern, eine häufige Ursache für Schimmelbefall sind, wenn das Nutzerverhalten nicht angepasst wird[2].
Biologische Faktoren: Was der Schimmel zum Leben braucht
Um das Risiko bei einer Einblasdämmung zu bewerten, muss man verstehen, was Schimmelpilze zum Wachsen benötigen. Neben der bereits erwähnten Feuchtigkeit spielen Temperatur und Nährboden eine entscheidende Rolle.
Temperatur und Feuchte (Isoplethensysteme)
Schimmelpilze sind Überlebenskünstler. Ihr Wachstum findet vor allem in einem Temperaturbereich von 0°C bis 50°C statt, wobei das Optimum bei etwa 30°C liegt[1]. In Wohnräumen herrschen also fast immer ideale Temperaturbedingungen. Der limitierende Faktor ist die Feuchte. Wissenschaftliche Modelle, wie das Isoplethenmodell, zeigen, dass Wachstum eine Funktion aus Temperatur, Feuchte und Zeit ist. Das bedeutet: Je höher die Feuchtigkeit und je optimaler die Temperatur, desto schneller keimen die Sporen aus. In Bereichen von Wärmebrücken, die durch fehlerhafte Dämmung entstehen, treffen oft kühle Temperaturen auf sehr hohe lokale Feuchte – ein idealer Nährboden.
Der Nährboden: Substratklassen
Nicht jedes Material schimmelt gleich schnell. Das WTA-Merkblatt unterteilt Baustoffe in Substratgruppen:
- Substratgruppe 0: Optimaler Nährboden (Vollmedien im Labor).
- Substratgruppe I: Biologisch gut verwertbare Substrate. Dazu gehören Tapeten, Gipskarton, aber auch verschmutzte Oberflächen.
- Substratgruppe II: Biologisch schlecht verwertbare Substrate wie mineralische Baustoffe, Putze und manche Hölzer[1].
Bei der Einblasdämmung ist zu beachten, dass organische Dämmstoffe (wie Zellulose) theoretisch zur Substratgruppe I gehören könnten, wenn sie feucht werden. Allerdings sind moderne Dämmstoffe oft gegen Pilzbefall behandelt. Das größere Problem ist oft die Innenwandverkleidung (Tapete, Dispersionsfarbe), die bei Tauwasserbildung sofort besiedelt wird.
Gesundheitliche Risiken durch Schimmelpilze
Schimmel nach einer missglückten Dämmmaßnahme ist nicht nur ein optisches Problem. Die gesundheitlichen Auswirkungen können gravierend sein und werden in verschiedene Kategorien unterteilt.
Allergene Wirkung
Schimmelpilze sind potente Allergene. Etwa 5% der Bevölkerung in Deutschland weisen eine Sensibilisierung gegen Schimmelpilze auf[2]. Die Reaktion erfolgt meist über die Atemwege (Typ-I-Allergie), was zu Schnupfen, Asthma bronchiale oder allergischer Konjunktivitis führen kann. Besonders problematisch: Auch abgetötete Schimmelpilze (z.B. nach einer unsachgemäßen Trocknung) können noch allergene Wirkungen haben.
Toxische Wirkung (Mykotoxine)
Einige Schimmelpilze produzieren Stoffwechselprodukte, die für den Menschen giftig sind, sogenannte Mykotoxine. Ein bekanntes Beispiel ist der Stachybotrys chartarum, der oft auf feuchten Gipskartonplatten oder Tapeten nach Wasserschäden zu finden ist. Seine Toxine (Satratoxine) können Hautreizungen, Nasenbluten und grippeähnliche Symptome auslösen[2]. Auch Aspergillus versicolor produziert das krebserregende Sterigmatocystin. Bei der Sanierung von gedämmten Hohlräumen, in denen sich unbemerkt Schimmel gebildet hat, ist daher äußerste Vorsicht geboten.
Infektionsgefahr
Für immungeschwächte Personen (z.B. Transplantationspatienten, HIV-Infizierte) besteht die Gefahr einer systemischen Infektion (Mykose). Hierbei ist vor allem Aspergillus fumigatus relevant, der in die Risikogruppe 2 nach Biostoffverordnung eingestuft wird[4]. Er kann schwere Lungeninfektionen (Aspergillose) verursachen.
Experten-Tipp: MVOC als Warnsignal
Wenn Sie nach der Einblasdämmung einen muffigen, erdigen Geruch wahrnehmen, aber keinen Schimmel sehen, könnte es sich um einen verdeckten Befall handeln. Schimmelpilze produzieren flüchtige organische Verbindungen (MVOC - Microbial Volatile Organic Compounds), die durch Steckdosen oder Randleisten in den Wohnraum dringen können[2]. Nehmen Sie solche Gerüche ernst!
Erkennung und Bewertung von Schimmelbefall
Sollte der Verdacht bestehen, dass durch die Einblasdämmung Feuchtigkeitsprobleme entstanden sind, ist eine professionelle Diagnose unerlässlich. Laienhafte Selbstversuche mit "Hausmitteln" sind oft kontraproduktiv.
Messmethoden
Um einen Befall nachzuweisen, stehen verschiedene Methoden zur Verfügung, die im Bericht des Landesgesundheitsamtes detailliert beschrieben werden:
- Materialproben: Entnahme von Bohrkernen oder Tapetenstücken zur Bestimmung der kultivierbaren Pilze (KBE/g). Dies ist besonders wichtig, um zu prüfen, wie tief der Pilz in den Putz oder Dämmstoff eingedrungen ist[2].
- Luftkeimsammlung: Hierbei wird Raumluft auf Nährböden gesaugt. Wichtig ist immer eine Referenzmessung der Außenluft, da Schimmelsporen ubiquitär (überall) vorkommen. Eine Innenraumquelle gilt als wahrscheinlich, wenn die Konzentration innen signifikant höher ist als außen oder untypische Arten (z.B. Aspergillus versicolor) auftreten.
- Klebefilmabriss: Eine einfache Methode zur Identifizierung von Oberflächenbefall, erlaubt jedoch keine genaue Artbestimmung bei allen Pilzen.
Bewertungskategorien
Die Schwere eines Schadens wird oft in Kategorien eingeteilt (angelehnt an UBA/LGA):
- Kategorie 1: Normalzustand oder geringfügiger Schaden (< 20 cm²).
- Kategorie 2: Mittlerer Schaden (< 0,5 m²). Ursache muss mittelfristig geklärt werden.
- Kategorie 3: Großer Schaden (> 0,5 m² oder tiefe Schichten betroffen). Hier muss sofort gehandelt werden, da eine Gesundheitsgefährdung wahrscheinlich ist[2].
Rechtliche Aspekte: Wer haftet bei Schimmel nach der Dämmung?
Tritt nach der Einblasdämmung Schimmel in einer Mietwohnung auf, führt dies oft zu Streitigkeiten zwischen Mieter und Vermieter. Die Rechtsprechung ist hier differenziert und betrachtet den Einzelfall.
Mietminderung bei Schimmelbefall
Grundsätzlich stellt Schimmelbefall einen Mangel an der Mietsache dar. Die Höhe der Mietminderung hängt vom Ausmaß der Beeinträchtigung ab:
- 100% Minderung: Bei erheblicher gesundheitlicher Gefährdung (z.B. toxische Sporen) kann die Miete komplett gemindert werden (AG Charlottenburg, Urteil v. 09.07.2007)[3].
- 80% Minderung: Bei erheblicher Durchfeuchtung von Wohn-, Schlafzimmer und Küche (LG Berlin, GE 1991, 625)[3].
- 20% Minderung: Bei kleinflächigem Schimmel in mehreren Räumen (AG Königs Wusterhausen, Urteil v. 11.05.2007)[3].
Die Schuldfrage: Baumangel oder Lüftungsverhalten?
Ein häufiger Streitpunkt: Ist die neue Dämmung schuld (Wärmebrücke) oder lüftet der Mieter falsch? Wenn der Vermieter Fenster modernisiert oder dämmt, muss er den Mieter auf das notwendige geänderte Lüftungsverhalten hinweisen. Unterlässt er dies, kann der Mieter mindern, auch wenn das Lüftungsverhalten ursächlich war (LG Lübeck, Urteil v. 09.01.1990 - 42% Minderung)[3]. Andererseits: Kann der Schimmel durch zumutbares Lüften und Heizen vermieden werden und tut der Mieter dies nicht, entfällt das Minderungsrecht (LG Lüneburg, Urteil vom 08.01.1987)[3].
Sanierung und Prävention
Ist der Schaden eingetreten, hilft nur eine fachgerechte Sanierung. Kosmetische Reparaturen wie das Überstreichen mit Schimmelfarbe reichen nicht aus.
Fachgerechte Sanierung
Bei Befall der Kategorie 2 und 3 sollten Fachfirmen hinzugezogen werden. Poröse Materialien wie Tapeten oder Gipskartonplatten müssen entfernt werden, da das Myzel tief in das Material eindringt und durch oberflächliche Reinigung nicht beseitigt werden kann. Bei der Sanierung müssen Arbeitsschutzmaßnahmen (Atemschutz P2/P3, Schutzanzug) eingehalten werden, um die massive Freisetzung von Sporen zu verhindern[2]. Ist die Einblasdämmung selbst durchfeuchtet, muss geprüft werden, ob sie getrocknet werden kann oder ausgetauscht werden muss.
Prävention bei der Planung
Um Schimmel bei Einblasdämmung zu vermeiden, sind folgende Punkte essenziell:
- Voruntersuchung: Die Hohlschicht muss sauber und trocken sein. Endoskopische Untersuchungen vor der Dämmung sind Pflicht.
- Materialwahl: Verwendung von hydrophoben (wasserabweisenden) Dämmstoffen in zweischaligem Mauerwerk, um den Feuchtetransport von der Außenschale nach innen zu unterbinden.
- Lüftungskonzept: Nach der Dämmung muss ein Lüftungskonzept nach DIN 1946-6 erstellt werden. Oft ist eine nutzerunabhängige Lüftung (z.B. Fensterfalzlüfter) notwendig.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Erhöht Einblasdämmung das Schimmelrisiko?
Nein, bei fachgerechter Ausführung senkt sie das Risiko, da die Innenwandtemperatur steigt. Das Risiko erhöht sich nur bei lückenhafter Ausführung (Wärmebrücken) oder wenn nach der Sanierung nicht ausreichend gelüftet wird.
Kann Schimmel in der Dämmung selbst wachsen?
Das hängt vom Material ab. Mineralische Dämmstoffe (Glaswolle, Steinwolle) bieten keinen Nährboden (Substratgruppe II), können aber verstauben und dann besiedelt werden. Organische Dämmstoffe wie Zellulose sind oft mit Boraten behandelt, um Schimmelwachstum zu hemmen. Wenn sie jedoch dauerhaft durchfeuchtet sind, ist Wachstum möglich.
Wie erkenne ich verdeckten Schimmel hinter der Wand?
Hinweise sind muffiger Geruch, gesundheitliche Beschwerden ohne sichtbare Ursache oder das Auftreten von Kellerasseln/Silberfischchen (Feuchtezeiger). Eine MVOC-Messung (Microbial Volatile Organic Compounds) kann Hinweise auf verdeckten Befall geben[2].
Was ist der aw-Wert?
Der aw-Wert (Wasseraktivität) ist ein Maß für das frei verfügbare Wasser in einem Material. Schimmelpilze benötigen nicht zwingend nasses Material, sondern eine bestimmte Wasseraktivität. Die meisten Pilze wachsen ab einem aw-Wert von 0,8 (entspricht 80% relativer Luftfeuchte an der Oberfläche), einige Xerophile schon ab 0,7[1].
Muss ich bei Schimmel sofort ausziehen?
Das hängt vom Ausmaß und der Art des Schimmels sowie dem Gesundheitszustand der Bewohner ab. Bei Nachweis von hochtoxischen Arten wie Stachybotrys oder bei akuten schweren Erkrankungen (Lungenentzündung) kann eine sofortige Nutzungseinschränkung oder ein Auszug notwendig sein (Kategorie 3)[2].
Fazit
Die Einblasdämmung ist eine effektive Methode zur energetischen Sanierung, die bei korrekter Ausführung das Schimmelrisiko senkt und den Wohnkomfort erhöht. Die Angst vor Schimmel ist unbegründet, solange Bauphysik und Lüftungsverhalten beachtet werden. Tritt dennoch Schimmel auf, liegt dies meist an Wärmebrücken durch fehlerhafte Verteilung oder an einer zu hohen Luftfeuchtigkeit im Innenraum. Eine fundierte Diagnose durch Experten und eine fachgerechte Sanierung sind dann unumgänglich, um gesundheitliche Schäden und den Wertverlust der Immobilie zu vermeiden. Achten Sie auf Qualität bei der Ausführung und passen Sie Ihr Lüftungsverhalten an die neue Dichtheit des Gebäudes an.
Quellen und Referenzen
- WTA-Merkblatt E-6-3, Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos, 2007/2015/2023
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, Schimmelpilze in Innenräumen – Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement, 2001/2004
- Joachim Dospil / Hedwig Hanhörster, Tabellen für die Rechtspraxis (Mietminderungstabelle Schimmel), Carl Heymanns Verlag
- TRBA 460, Einstufung von Pilzen in Risikogruppen, Ausschuss für Biologische Arbeitsstoffe (ABAS), 2016/2023
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