Schimmel in der Wohnung ist ein Albtraum für jeden Mieter und Hauseigentümer. Er sieht nicht nur unschön aus und riecht muffig, sondern stellt auch eine ernsthafte Gefahr für die Gesundheit und die Bausubstanz dar. In der Suche nach natürlichen und ungiftigen Bekämpfungsmethoden stolpern viele Betroffene über ein altes Hausmittel: Efeu (Hedera helix). Die Idee, aus Efeublättern einen Sud zu kochen und damit dem Pilz zu Leibe zu rücken, klingt verlockend – schließlich ist Efeu kostenlos und wächst fast überall. Doch reicht ein pflanzlicher Sud aus, um komplexe mikrobiologische Befälle dauerhaft zu beseitigen? In diesem Artikel beleuchten wir die Wirksamkeit von Efeu gegen Schimmel, stellen diese den wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Bauphysik und Mikrobiologie gegenüber und zeigen auf, wie Sie Schimmelpilze basierend auf aktuellen Richtlinien effektiv und nachhaltig entfernen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Wirkprinzip von Efeu: Efeu enthält Saponine, die als natürliche Seifen fungieren und pilzhemmende Eigenschaften besitzen können, jedoch bei tiefsitzendem Befall oft nicht ausreichen.
- Gesundheitsrisiko: Schimmelpilze können Allergien, toxische Wirkungen und Infektionen auslösen. Besonders gefährdet sind Immunsupprimierte und Allergiker[1].
- Wachstumsbedingungen: Schimmel benötigt Feuchtigkeit, Nährstoffe und passende Temperaturen. Ohne Beseitigung der Feuchtigkeitsursache kehrt der Schimmel zurück[2].
- Rechtliche Folgen: Schimmelbefall kann zu Mietminderungen zwischen 10% und 100% führen, abhängig von der Schwere und der gesundheitlichen Gefährdung[3].
- Professionelle Sanierung: Bei Befall über 0,5 m² oder bei Risikogruppen sollte eine Fachfirma hinzugezogen werden. Die bloße Abtötung reicht nicht; die Biomasse muss entfernt werden[4].
Der Mythos Efeu: Wie das Hausmittel wirken soll
Efeu ist bekannt für seine Robustheit und Langlebigkeit. In der Naturheilkunde und im Haushalt werden ihm verschiedene Wirkungen zugeschrieben. Das Geheimnis liegt in den sogenannten Saponinen. Diese sekundären Pflanzenstoffe haben seifenähnliche Eigenschaften – sie können die Oberflächenspannung von Wasser herabsetzen und wirken reinigend. Zudem wird Saponinen eine fungizide (pilzabtötende) Wirkung nachgesagt.
Das typische Rezept für ein Efeu-Hausmittel gegen Schimmel sieht vor, frische Efeublätter zu zerkleinern und lange in Wasser auszukochen. Der abgekühlte Sud wird dann auf die betroffenen Stellen aufgetragen. Die Theorie besagt, dass die Saponine die Zellwände der Schimmelpilze angreifen und diese abtöten. Während dies bei sehr leichtem, oberflächlichem Befall (z.B. Stockflecken auf Fugen) kurzfristig optische Besserung bringen kann, warnen Experten davor, sich bei echtem Schimmelbefall allein auf Hausmittel zu verlassen. Der Grund liegt in der Biologie der Pilze: Das sichtbare Myzel ist nur ein Teil des Problems; die Sporen und tief im Material sitzende Hyphen werden durch oberflächliches Abwischen oft nicht erreicht.
Die Biologie des Schimmels: Warum oberflächliche Behandlung oft scheitert
Um zu verstehen, warum Efeu oder einfacher Alkohol oft nicht ausreichen, muss man einen Blick auf die biologischen Grundlagen werfen. Schimmelpilze gehören zu den eukaryotischen Mikroorganismen und wachsen in Form von fadenförmigen Zellsträngen, den Hyphen. Die Gesamtheit dieser Hyphen bildet das Myzel, das wir als pelzigen Belag wahrnehmen[2].
Der Lebenszyklus und die Sporenbildung
Ein kritischer Faktor bei der Bekämpfung ist der Lebenszyklus. Schimmelpilze bilden Sporen (Konidien), die der Vermehrung und Verbreitung dienen. Diese Sporen sind extrem widerstandsfähig. Selbst wenn das Myzel durch ein Hausmittel wie Efeu-Sud oberflächlich zerstört wird, können die Sporen lange Trockenheit und ungünstige Bedingungen überdauern und bei erneuter Feuchtigkeit sofort wieder auskeimen[2]. Besonders tückisch: Verschlechtern sich die Lebensbedingungen für den Pilz (z.B. durch den Angriff mit einem Reinigungsmittel), reagiert dieser oft mit einer sogenannten "Notsporulation". Das bedeutet, er setzt massenhaft Sporen frei, um sein Überleben an einem anderen Ort zu sichern. Dies erhöht die Belastung der Raumluft enorm.
Gesundheitliche Gefahren durch Schimmelpilze
Die Entfernung von Schimmel ist keine rein kosmetische Angelegenheit. Aus hygienischer Sicht geht von Schimmelpilzen im Innenraum eine ernstzunehmende Gefahr aus. Die Wirkungen auf den Menschen sind vielfältig:
- Allergene Wirkung: Pilzsporen können Allergien auslösen (Typ I bis Typ IV Allergien). Dies betrifft nicht nur lebende Sporen, sondern auch abgestorbene Partikel. Daher reicht das bloße Abtöten des Pilzes (z.B. durch Fungizide oder Efeu-Sud) nicht aus; die Biomasse muss vollständig entfernt werden[1].
- Toxische Wirkung: Einige Schimmelpilze produzieren Mykotoxine (Pilzgifte). Bekannte Beispiele sind Aflatoxine oder Ochratoxine. Diese können krebserregend, leberschädigend oder immunsystemschwächend wirken[1].
- Infektionen: Bei immungeschwächten Personen können bestimmte Pilze (z.B. Aspergillus fumigatus) schwere Infektionen der Lunge oder anderer Organe verursachen[1].
Warnung vor Risikogruppen
Bestimmte Schimmelpilze werden in Risikogruppen eingeteilt. Pilze der Risikogruppe 2 (z.B. Aspergillus fumigatus) stellen ein erhöhtes Infektionsrisiko dar und sollten keinesfalls mit Hausmitteln behandelt werden, wenn immungeschwächte Personen im Haushalt leben[5].
Physikalische Ursachen: Warum der Schimmel wächst
Bevor man sich für Efeu, Alkohol oder professionelle Chemie entscheidet, muss die Ursache geklärt werden. Ein Grundsatz der Schimmelbekämpfung lautet: Ohne Beseitigung der Feuchtigkeitsursache ist jede Sanierung vergeblich. Das Wachstum wird primär durch drei Faktoren bestimmt: Feuchte, Temperatur und Nährboden (Substrat)[2].
Das Isoplethenmodell
Wissenschaftliche Untersuchungen nutzen sogenannte Isoplethensysteme, um vorherzusagen, wann Schimmel wächst. Diese Grafiken zeigen, dass Schimmelpilze nicht zwingend flüssiges Wasser benötigen. Eine relative Luftfeuchte von 80% an der Oberfläche eines Materials reicht oft schon aus, damit Sporen auskeimen. Bei optimalen Temperaturen (ca. 25-30°C) kann das Wachstum explosionsartig erfolgen[2]. Efeu-Sud ändert an diesen physikalischen Parametern nichts – er bekämpft nur das Symptom.
Der Nährboden
Schimmelpilze sind genügsam. Sie wachsen auf Tapeten, Kleister, Holz, Gipskarton und sogar auf Kunststoffen, wenn sich dort Staub ablagert. Besonders biologisch gut verwertbare Substrate (Substratgruppe I), wie Tapeten oder Gipskarton, fördern das Wachstum schon bei geringerer Feuchte als mineralische Untergründe wie Beton (Substratgruppe II)[2]. Ein Hausmittel, das organische Rückstände hinterlässt (was bei Pflanzensuden der Fall sein kann), könnte theoretisch sogar neuen Nährboden bieten, wenn es nicht restlos entfernt wird.
Fachgerechte Sanierung statt Experimente
Die Handlungsempfehlungen der Gesundheitsämter sind eindeutig: Bei Schimmelbefall muss gehandelt werden. Aber wie? Die Sanierung muss das Ziel haben, die Schimmelpilze vollständig zu entfernen. Eine bloße Abtötung (z.B. durch Fungizide oder Hitze) reicht nicht aus, da – wie bereits erwähnt – auch von toten Pilzbestandteilen allergische Reaktionen ausgehen können[4].
Kleine Schäden selbst sanieren
Bei kleinen, oberflächlichen Schäden (weniger als 0,5 m², z.B. in einer Fuge oder einer kleinen Ecke) können gesunde Personen die Sanierung selbst durchführen. Hierbei wird jedoch meist nicht zu Efeu geraten, sondern zu 70-80%igem Ethylalkohol (Ethanol). Dieser desinfiziert und verflüchtigt sich schnell, ohne das Material zusätzlich zu durchfeuchten[4].
Vorgehensweise bei Kleinschäden: 1. Befallene Fläche mit einem feuchten Tuch oder Alkohol abwischen (nicht trocken abbürsten, um Sporenflug zu vermeiden!). 2. Glatte Oberflächen (Keramik, Glas, Metall) können mit Haushaltsreiniger gereinigt werden[4]. 3. Poröse Materialien (Tapeten, Gipskarton) können oft nicht gereinigt werden, da das Myzel tief eingedrungen ist. Hier hilft nur das Entfernen des Materials[4].
Wann der Profi ran muss
Sobald der Befall größer als 0,5 m² ist oder wenn der Verdacht besteht, dass der Schimmel in tiefere Schichten (z.B. Dämmung, Estrich) eingedrungen ist, sollte eine Fachfirma beauftragt werden. Auch wenn gesundheitliche Beschwerden bei den Bewohnern auftreten, ist professionelle Hilfe ratsam. Sanierungsfirmen arbeiten mit Abschottungen (Staubschutzwänden), Unterdruckgeräten und speziellen Saugern mit HEPA-Filtern, um eine Verteilung der Sporen in der ganzen Wohnung zu verhindern[4].
Rechtliche Aspekte: Mietminderung bei Schimmel
Schimmel ist nicht nur ein hygienisches, sondern oft auch ein juristisches Problem. Mieter haben bei Schimmelbefall oft das Recht zur Mietminderung, sofern sie den Mangel nicht selbst verursacht haben (z.B. durch falsches Lüften). Die Höhe der Minderung hängt stark vom Einzelfall ab.
Einige Beispiele aus der Rechtsprechung:
- 100% Minderung: Bei erheblicher gesundheitlicher Gefährdung (z.B. toxische Schimmelpilzsporen) kann eine Mietminderung von bis zu 100% gerechtfertigt sein[3].
- 80% Minderung: Wenn Küche, Wohn- und Schlafzimmer durch erhebliche Durchfeuchtung und Schimmel unbewohnbar sind, urteilte das LG Berlin auf 80% Minderung[3].
- 20% Minderung: Bei Schimmelbefall in mehreren Räumen (Wohn-, Schlaf- und Badezimmer) sah das LG Osnabrück 20% als angemessen an[3].
- 10-15% Minderung: Bei kleineren Befällen, z.B. Stockflecken in Ecken oder Schimmel im Bad, liegen die Minderungsquoten oft zwischen 10% und 15%[3].
Wichtig: Mieter sollten nicht eigenmächtig die Miete kürzen, sondern den Mangel dem Vermieter unverzüglich melden und sich rechtlich beraten lassen. Der Versuch, den Schimmel heimlich mit Efeu-Sud zu entfernen, kann nach hinten losgehen, wenn der Schaden dadurch verschleppt wird und die Bausubstanz leidet.
Prävention: Besser als jede Bekämpfung
Die beste Methode gegen Schimmel ist, ihn gar nicht erst entstehen zu lassen. Da Schimmelpilzsporen ubiquitär (überall) in der Luft vorhanden sind, geht es darum, ihnen die Wachstumsgrundlage zu entziehen: die Feuchtigkeit.
Tipps zur Schimmelvermeidung
- Richtig Lüften: Stoßlüften statt Kippen. Mehrmals täglich für 5-10 Minuten die Fenster weit öffnen, um einen kompletten Luftaustausch zu gewährleisten.
- Heizen: Auch ungenutzte Räume sollten nicht zu stark auskühlen, um Kondenswasserbildung an den Wänden zu vermeiden.
- Möbel abrücken: Große Schränke sollten ca. 5-10 cm von Außenwänden entfernt stehen, damit die Luft dahinter zirkulieren kann[4].
- Feuchtigkeitsquellen minimieren: Wäsche möglichst nicht in der Wohnung trocknen oder für verstärkte Lüftung sorgen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Hilft Efeu wirklich gegen Schimmel?
Efeu enthält Saponine, die reinigend wirken können. Bei oberflächlichen Verschmutzungen mag dies einen Effekt haben. Bei echtem Schimmelbefall in der Bausubstanz ist die Wirkung jedoch nicht wissenschaftlich belegt und reicht in der Regel nicht aus, um das Myzel und die Sporen vollständig und nachhaltig zu entfernen. Professionelle Richtlinien empfehlen Alkohol oder Wasserstoffperoxid.
Ist Essig ein gutes Hausmittel gegen Schimmel?
Nein. Essig hat einen niedrigen pH-Wert, was viele Pilze zwar nicht mögen, aber viele Baustoffe (wie Kalkputz) neutralisieren die Säure. Zudem enthält Essig organische Nährstoffe, die dem Pilz nach der Neutralisation sogar als Nahrung dienen können. Experten raten von Essig auf mineralischen Untergründen ab[4].
Kann ich Schimmel einfach überstreichen?
Nein. Das Überstreichen mit normaler Wandfarbe tötet den Schimmel nicht ab und entfernt ihn nicht. Der Pilz wächst unter der Farbe weiter und bricht früher oder später wieder durch. Befallene Tapeten müssen entfernt werden.
Wie erkenne ich, ob der Schimmel gesundheitsschädlich ist?
Optisch ist das für Laien kaum möglich. Es gibt über 100.000 Pilzarten. Während einige "nur" lästig sind, produzieren andere (z.B. Stachybotrys chartarum) starke Toxine. Eine genaue Bestimmung kann nur durch eine Laboranalyse erfolgen. Grundsätzlich sollte jeder Schimmelbefall im Innenraum aus Vorsorgegründen beseitigt werden[1].
Wann darf ich die Miete mindern?
Eine Mietminderung ist möglich, wenn der Gebrauch der Mietsache erheblich beeinträchtigt ist. Die Höhe hängt vom Einzelfall ab (siehe Tabelle oben). Wichtig ist, den Mangel dem Vermieter sofort anzuzeigen. Wenn der Mieter den Schimmel durch falsches Lüften selbst verursacht hat, besteht kein Minderungsrecht[3].
Fazit
Die Idee, Schimmel mit einem natürlichen Sud aus Efeu zu bekämpfen, entspringt dem Wunsch nach umweltfreundlichen Lösungen. Doch bei Schimmelpilzen hört der Spaß auf. Die gesundheitlichen Risiken durch Sporen und Toxine sind zu hoch, um mit Hausmitteln zu experimentieren, deren Wirksamkeit bei tiefsitzendem Befall fraglich ist. Die Bauphysik und Mikrobiologie lehren uns, dass Schimmel nur dauerhaft verschwindet, wenn die Feuchtigkeitsursache behoben und die Biomasse vollständig entfernt wird. Für kleine, oberflächliche Stellen ist hochprozentiger Alkohol das sicherere Mittel der Wahl. Bei größeren Schäden führt kein Weg an einer professionellen Sanierung vorbei. Schützen Sie Ihre Gesundheit und Ihre Immobilie durch fundiertes Handeln statt durch Mythen.
Quellen und Referenzen
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, "Schimmelpilze in Innenräumen – Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement", Bericht, Dezember 2004 (Kapitel 3: Eigenschaften von Schimmelpilzen, Gesundheitliche Wirkungen).
- WTA Merkblatt E-6-3, "Rechnerische Prognose des Schimmelpilzwachstumsrisikos", Dezember 2023 (Kapitel 3: Physikalische und biologische Grundlagen).
- Joachim Dospil / Hedwig Hanhörster, "Tabellen für die Rechtspraxis - Mietminderungstabelle Schimmel", Carl Heymanns Verlag (Zusammenstellung diverser Urteile, z.B. LG Berlin GE 1991, 625; AG Charlottenburg 203 C 607/06).
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, "Schimmelpilze in Innenräumen", Dezember 2004 (Kapitel 10.6: Sanierung, Kurzfristige/Langfristige Maßnahmen).
- TRBA 460, "Einstufung von Pilzen in Risikogruppen", Ausgabe Juli 2016 (Kapitel 2: Allgemeines, Risikogruppen).
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