Schimmel in der Wohnung ist weit mehr als nur ein optisches Ärgernis. Die dunklen Flecken an Wänden, in Fugen oder an der Decke sind ein Alarmsignal für zu hohe Feuchtigkeit und stellen ein ernstzunehmendes Risiko für die Gesundheit der Bewohner und die Bausubstanz dar. Während der Griff zur chemischen Keule oft naheliegt, suchen immer mehr Menschen nach umweltfreundlichen und ungiftigen Alternativen. Hier rücken altbewährte Hausmittel wie Backpulver und Natron in den Fokus. Doch wie effektiv sind diese weißen Pulver wirklich im Kampf gegen den hartnäckigen Pilz? In diesem umfassenden Ratgeber analysieren wir die Wirkungsweise von Natriumhydrogencarbonat, vergleichen es mit wissenschaftlichen Empfehlungen zur Schimmelsanierung und zeigen auf, wo die Grenzen der Hausmittel liegen und wann professionelle Hilfe unverzichtbar ist.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Wirkungsweise: Natron und Backpulver wirken alkalisch und fungistatisch, sie hemmen das Wachstum, töten den Pilz aber nicht so zuverlässig ab wie Alkohol oder Wasserstoffperoxid.
- Anwendungsgebiet: Geeignet für glatte Oberflächen (Fliesen, Glas, Metall) und zur oberflächlichen Reinigung kleinerer Befallsstellen.
- Grenzen: Bei porösen Untergründen (Tapete, Putz) dringen Hausmittel oft nicht tief genug ein, um das Myzel (Wurzelgeflecht) zu zerstören.
- Gesundheit: Schimmelsporen können Allergien und Atemwegserkrankungen auslösen; Schutzmaßnahmen (Maske, Handschuhe) sind bei der Entfernung Pflicht.
- Sanierungsgrenze: Laut Umweltbundesamt sollten Schäden, die größer als 0,5 m² sind, nur von Fachfirmen saniert werden.
Warum Schimmel so gefährlich ist: Biologische Grundlagen
Bevor wir uns der Bekämpfung widmen, ist es essenziell zu verstehen, womit wir es zu tun haben. Schimmelpilze sind ein natürlicher Teil unserer Umwelt. Ihre Sporen sind ubiquitär, also fast überall in der Luft vorhanden. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Sporen im Innenraum auf feuchte Oberflächen treffen und dort auskeimen. Die Gesundheitsgefahren, die von Schimmel ausgehen, sind vielfältig und gut dokumentiert.
Schimmelpilze können allergene Wirkungen haben, die sich in Reizungen der Augen, der Haut und der Atemwege äußern[1]. Besonders gefährdet sind Personen mit einem geschwächten Immunsystem, Asthmatiker und Allergiker. Bei diesen Risikogruppen können Schimmelpilzsporen schwere Infektionen, sogenannte Mykosen, auslösen. Insbesondere die Gattung Aspergillus fumigatus ist hier als potenziell pathogen bekannt[2]. Darüber hinaus produzieren einige Schimmelpilzarten Stoffwechselprodukte, die als Mykotoxine bekannt sind. Diese Gifte können, wenn sie in hohen Konzentrationen eingeatmet werden, toxische Reaktionen hervorrufen.
Warnung: Gesundheitsrisiko
Unterschätzen Sie niemals einen Schimmelbefall. Auch abgestorbene Schimmelpilze können noch allergene Reaktionen auslösen. Eine bloße Abtötung reicht daher oft nicht aus; die Biomasse muss vollständig entfernt werden[1].
Backpulver und Natron: Die Chemie dahinter
Backpulver und Natron (Natriumhydrogencarbonat) sind Klassiker im Haushalt. Doch warum werden sie gegen Schimmel empfohlen? Die Wirkung beruht primär auf dem pH-Wert. Die meisten Schimmelpilze bevorzugen ein leicht saures Milieu für optimales Wachstum. Natron ist ein natürlich vorkommendes Salz, das in Verbindung mit Wasser eine alkalische (basische) Lösung bildet.
Durch das Aufbringen einer Natron-Lösung wird der pH-Wert auf der Oberfläche erhöht. Dies verschlechtert die Lebensbedingungen für den Pilz massiv und hemmt sein weiteres Wachstum (fungistatische Wirkung). Zudem hat Natron, wenn es als Paste angerührt wird, eine abrasive Wirkung. Die feinen Kristalle wirken wie ein sanftes Scheuermittel, das hilft, den oberflächlichen Fruchtkörper des Schimmels mechanisch zu entfernen.
Der Unterschied zwischen Backpulver und reinem Natron
Oft werden die Begriffe synonym verwendet, doch es gibt einen chemischen Unterschied. Reines Natron besteht zu 100% aus Natriumhydrogencarbonat. Backpulver hingegen enthält zwar Natron als Triebmittel, aber zusätzlich ein Säuerungsmittel (oft Dinatriumdihydrogendiphosphat oder Monocalciumorthophosphat) und ein Trennmittel (meist Stärke). Für die Schimmelbekämpfung ist reines Natron effektiver, da das im Backpulver enthaltene Säuerungsmittel die alkalische Wirkung teilweise neutralisieren kann und die Stärke theoretisch sogar als Nährboden für Pilze dienen könnte. Dennoch zeigt auch Backpulver aufgrund des Natronanteils eine Wirkung.
Anleitung: So wenden Sie Natron gegen Schimmel an
Wenn Sie sich entschieden haben, einen kleinen, oberflächlichen Befall (Kategorie 1 laut UBA-Leitfaden, also Bagatellschäden unter 0,5 m²[1]) mit Hausmitteln zu behandeln, gehen Sie wie folgt vor:
Variante 1: Die Natron-Paste (für Fugen und kleine Flecken)
- Mischen Sie reines Natron oder Backpulver mit wenig Wasser, bis eine streichfähige Paste entsteht.
- Tragen Sie die Paste mit einer alten Zahnbürste oder einem Schwamm auf die betroffenen Stellen auf.
- Lassen Sie das Gemisch mindestens eine Stunde einwirken, damit die Feuchtigkeit entzogen wird und der pH-Wert wirken kann.
- Schrubben Sie die Stelle anschließend gründlich ab und wischen Sie mit klarem Wasser nach.
- Trocknen Sie die Stelle vollständig (Föhn oder Lüften).
Variante 2: Die Sprüh-Lösung (für glatte Flächen)
- Lösen Sie zwei Esslöffel Natron in einem halben Liter warmem Wasser auf.
- Füllen Sie die Lösung in eine Sprühflasche.
- Besprühen Sie die betroffenen Areale großzügig.
- Lassen Sie die Lösung einwirken und wischen Sie sie dann ab.
- Wiederholen Sie den Vorgang, lassen Sie die zweite Schicht antrocknen, um einen alkalischen Schutzfilm zu hinterlassen (nur auf unempfindlichen Materialien).
Praxis-Tipp: Arbeitsschutz beachten
Auch bei der Verwendung von Hausmitteln müssen Sie sich vor den Schimmelsporen schützen. Tragen Sie eine FFP2- oder FFP3-Maske, eine Schutzbrille und Gummihandschuhe. Vermeiden Sie es, die Sporen durch Trockenreiben im ganzen Raum zu verteilen[2].
Grenzen der Hausmittel: Wann Natron nicht reicht
So charmant die Lösung mit Backpulver klingt, sie hat physikalische und biologische Grenzen. Schimmelpilze bestehen nicht nur aus dem sichtbaren, farbigen Belag (den Sporenträgern), sondern bilden ein unsichtbares Wurzelgeflecht, das Myzel. Dieses wächst bei porösen Untergründen wie Tapeten, Gipskarton oder Putz tief in das Material hinein.
Natron und Backpulver wirken primär oberflächlich. Sie entfernen den sichtbaren Belag und hemmen kurzzeitig das Wachstum. Sie dringen jedoch kaum tief genug in den Putz ein, um das Myzel vollständig abzutöten. Die Folge: Der Schimmel kommt nach kurzer Zeit wieder ("Rezidiv"). Für eine nachhaltige Sanierung bei porösen Untergründen empfehlen Experten wie das Umweltbundesamt oder das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg daher wirksamere Mittel wie 70-80%igen Ethylalkohol (Ethanol) oder Wasserstoffperoxid, da diese nicht nur abtöten, sondern auch schnell verdunsten und keine Feuchtigkeit zurücklassen[3].
Ein weiteres Problem ist, dass Natronlösungen Wasser enthalten. Feuchtigkeit ist jedoch die Hauptursache für Schimmelwachstum. Wenn Sie eine wässrige Lösung auf eine bereits feuchte Wand auftragen und diese nicht schnell genug trocknet, fügen Sie dem Problem ironischerweise noch mehr von dem hinzu, was der Pilz zum Leben braucht: Wasser. Alkohol hingegen entzieht dem Pilz Wasser und denaturiert seine Proteine.
Vergleich: Natron vs. Andere Hausmittel
Im Internet kursieren viele Ratschläge. Wie schneidet Natron im Vergleich ab?
Essig und Essigessenz
Lange Zeit galt Essig als Wundermittel. Heute raten Experten auf mineralischen Untergründen (Kalkputz, Beton) dringend davon ab. Der Grund: Kalk neutralisiert die Säure des Essigs. Was zurückbleibt, sind organische Kohlenstoffverbindungen aus dem Essig, die dem Schimmelpilz als hervorragende Nährstoffquelle dienen können. Essig kann das Schimmelwachstum auf Wänden also sogar fördern[1]. Natron ist hier die sicherere Wahl, da es alkalisch ist und keine Nährstoffe liefert.
Alkohol (Ethanol/Isopropanol)
Medizinischer Alkohol (mindestens 70%, besser 80%) ist das Mittel der Wahl für kleine Flächen in Wohnräumen. Er wirkt sofort fungizid (pilztötend), dringt auch in Poren ein und verdunstet rückstandsfrei. Im direkten Vergleich ist Alkohol dem Natron in der Desinfektionsleistung überlegen, besonders auf porösen Materialien. Allerdings besteht bei Alkohol Brand- und Explosionsgefahr bei großflächiger Anwendung[4].
Wasserstoffperoxid
Wasserstoffperoxid (H2O2) wirkt stark oxidierend und bleichend. Es tötet Schimmelsporen und Myzel effektiv ab. Es ist oft Bestandteil professioneller Sanierungsmittel. Für den Laien ist der Umgang mit höheren Konzentrationen jedoch nicht ungefährlich (Verätzungsgefahr). Natron ist hier die deutlich mildere und anwenderfreundlichere Variante, wenn auch weniger potent.
Ursachenforschung: Das A und O der Sanierung
Egal ob Sie Backpulver, Alkohol oder Profi-Chemie verwenden: Wenn Sie die Ursache der Feuchtigkeit nicht beheben, wird der Schimmel immer wiederkehren. Schimmel benötigt zum Wachstum Feuchtigkeit (oft reicht eine relative Luftfeuchte von 80% an der Bauteiloberfläche, was einer Wasseraktivität bzw. einem aw-Wert von 0,8 entspricht[5]), Nährstoffe (Tapete, Hausstaub) und die richtige Temperatur.
Häufige Ursachen sind:
- Baumängel: Wärmebrücken, undichte Dächer, Leckagen in Wasserleitungen.
- Nutzerverhalten: Unzureichendes Lüften und Heizen. Warme Luft nimmt mehr Feuchtigkeit auf als kalte. Trifft feuchte Warmluft auf kalte Außenwände, kondensiert das Wasser (Taupunktunterschreitung).
- Möblierung: Große Schränke direkt an kalten Außenwänden verhindern die Luftzirkulation, was zur Auskühlung der Wand und Kondensatbildung führt.
Eine nachhaltige Sanierung beinhaltet immer die Beseitigung der Feuchtigkeitsquelle. Messen Sie regelmäßig die Luftfeuchtigkeit mit einem Hygrometer. Laut Verbraucherzentrale sollte diese in Wohnräumen dauerhaft nicht über 60% liegen[6].
Wann muss der Profi ran?
Die Eigenbehandlung mit Hausmitteln hat klare Grenzen. Das Umweltbundesamt definiert in seinem Leitfaden zur Schimmelsanierung verschiedene Schadenskategorien. Schäden der Kategorie 1 (kleiner als 0,5 m², oberflächlich) können unter Schutzvorkehrungen selbst beseitigt werden. Bei Schäden der Kategorie 2 (0,5 m² bis 10 m²) und Kategorie 3 (über 10 m²) ist professionelle Hilfe dringend angeraten oder sogar zwingend erforderlich[1].
Experten verfügen über spezielle Techniken wie Abschottung (um die Sporenverteilung in der Wohnung zu verhindern), Unterdruckhaltung und Feinreinigung mit HEPA-Filtern. Zudem können sie feststellen, ob der Schimmel bereits in die Dämmschicht oder den Estrich eingedrungen ist, was eine komplexe Sanierung erfordert.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Hilft Backpulver auch gegen Schimmel auf Silikonfugen?
Ja und Nein. Backpulver kann oberflächlichen Schimmel auf Silikonfugen durch seine abrasive Wirkung entfernen. Ist der Schimmel jedoch bereits in das weiche Silikonmaterial eingewachsen (erkennbar an tiefschwarzen Verfärbungen, die sich nicht abwischen lassen), hilft kein Reinigungsmittel mehr. Hier muss die Fuge komplett herausgeschnitten und erneuert werden.
Kann ich Backpulver präventiv einsetzen?
Natron bindet Gerüche und Feuchtigkeit in gewissem Maße. Ein Schälchen Natron im Schrank kann helfen, das Mikroklima leicht zu verbessern. Als alleinige Prävention gegen bauphysikalische Mängel oder falsches Lüften reicht es jedoch nicht aus.
Ist Chlor besser als Backpulver?
Chlorhaltige Reiniger wirken stark bleichend und desinfizierend. Sie lassen den Schimmel optisch sofort verschwinden. Allerdings sind die Ausdünstungen reizend für die Atemwege und belasten die Innenraumluft. Zudem zersetzt sich Chlor schnell und bietet keine Langzeitwirkung. Für Wohnräume, insbesondere Schlafzimmer, sind chlorhaltige Reiniger oft zu aggressiv. Natron ist hier die gesundheitsschonendere, wenn auch schwächere Alternative.
Was mache ich bei Schimmel auf Kleidung?
Waschbare Textilien können oft gerettet werden. Fügen Sie der Wäsche Natron hinzu oder nutzen Sie ein spezielles Hygienewaschmittel. Wichtig ist eine Waschtemperatur von mindestens 60°C, um das Myzel abzutöten. Sensible Stoffe, die nur kalt gewaschen werden dürfen, müssen bei starkem Befall oft entsorgt werden.
Darf ich Schimmel trocken abbürsten?
Nein, auf keinen Fall! Durch das trockene Abbürsten werden Milliarden von Sporen in die Luft gewirbelt. Sie atmen diese ein und verteilen sie in der gesamten Wohnung, wo sie neue Kolonien bilden können. Schimmelentfernung muss immer feucht oder mit speziellen Saugern mit HEPA-Filter erfolgen[2].
Fazit
Backpulver und Natron sind nützliche, ungiftige Helfer im Haushalt, die bei sehr kleinem, oberflächlichem Schimmelbefall – etwa auf Fliesen oder Fensterrahmen – gute Dienste leisten können. Ihre alkalische und abrasive Wirkung hilft, den Pilz mechanisch zu entfernen und das Wachstum kurzzeitig zu hemmen. Sie sind eine sichere Alternative zu aggressiven Chlorreinigern, insbesondere in Haushalten mit Kindern oder Haustieren.
Man darf jedoch keine Wunder erwarten. Bei porösen Wänden, Tapeten oder großflächigem Befall stoßen Hausmittel an ihre Grenzen. Hier sitzt der Pilz tief im Material. In solchen Fällen ist hochprozentiger Alkohol effektiver, und bei Schäden über einem halben Quadratmeter führt kein Weg an einer Fachfirma vorbei. Das Wichtigste bleibt jedoch immer: Finden und beheben Sie die Feuchtigkeitsursache. Ohne Trockenlegung nützt das beste Mittel – ob Hausmittel oder Chemie – auf Dauer nichts.
Handeln Sie bei Schimmelbefall immer sofort, aber besonnen. Schützen Sie Ihre Gesundheit durch geeignete Atemmasken und Handschuhe und zögern Sie nicht, bei Unklarheiten einen Sachverständigen zu Rate zu ziehen.
Quellen und Referenzen
- Umweltbundesamt, "Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden", 2017.
- Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg, "Schimmelpilze in Innenräumen – Nachweis, Bewertung, Qualitätsmanagement", 2004 (überarbeitet).
- Verbraucherzentrale, "Schimmel entfernen: Wann Profis ran müssen und welche Hausmittel helfen", Stand 2023.
- Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU), "Handlungsanleitung zur Gefährdungsbeurteilung bei der Sanierung von Schimmelpilzbefall", 2018.
- WTA-Merkblatt 4-6-05/D, "Nachträgliches Abdichten erdberührter Bauteile", Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege.
- Verbraucherzentrale Energieberatung, "Richtiges Lüften und Heizen", 2022.
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