Die wissenschaftliche Bezeichnung der Familie lautet *Ichneumonidae*, welche taxonomisch im Jahr 1802 durch den französischen Entomologen Pierre André Latreille formalisiert wurde.[1] Sie basiert auf der Typusgattung *Ichneumon*, die bereits 1758 von Carl Linnaeus in der zehnten Auflage seines Werkes *Systema Naturae* aufgestellt wurde, wobei *Ichneumon extensorius* als Typusart fungiert.[1][3] Etymologisch leitet sich der Name vom altgriechischen Wort *ikhneúmōn* (ἰχνεύμων) ab, was „Aufspürer“ oder „Fährtensucher“ bedeutet und seinen Ursprung im Begriff *íkhnos* (Fußspur) hat. Diese Benennung reflektiert das charakteristische Verhalten der parasitoiden Wespen, ihre Wirtsinsekten akribisch aufzuspüren.[1] Historisch wurde der Begriff bereits um 343 v. Chr. von Aristoteles verwendet, um eine Wespenart zu beschreiben, die Spinnen jagt.[4] Im deutschen Sprachraum ist die Trivialbezeichnung „Schlupfwespen“ etabliert. International sind sie als „ichneumon wasps“ oder zunehmend als „Darwin wasps“ bekannt. Der Name „Darwin wasps“ dient auch der Abgrenzung zum eigentlichen Ichneumon, dem Ichneumon-Mangusten (*Herpestes ichneumon*), dessen Name auf ähnlichen Jagdstrategien in der ägyptischen Mythologie beruht.[1] Systematisch gehört die Familie zur Überfamilie Ichneumonoidea und bildet die Schwestergruppe der Braconidae (Brackwespen).[5] Ein fundamentaler Meilenstein der Klassifikation war das 1829 veröffentlichte dreibändige Werk *Ichneumonologia Europaea* von Johann Ludwig Christian Gravenhorst, das die Systematik der europäischen Arten begründete.[2] Die Familie umfasst heute etwa 44 Unterfamilien, darunter große Gruppen wie die Ichneumoninae oder Ophioninae, wobei phylogenetische Studien die Gliederung stetig präzisieren.[1][5]
Adulte *Ichneumonidae* sind schlanke Insekten mit einer charakteristischen Wespentaille, deren Körperlänge ohne Anhänge meist zwischen 3 und 40 mm variiert. Die Grundfärbung ist häufig schwarz oder braun, oft gezeichnet mit kontrastierenden weißen, gelben oder rötlichen Mustern, die der Artbestimmung dienen. Der Kopf trägt große seitliche Komplexaugen sowie drei Ocellen auf dem Scheitel, während die fadenförmigen Antennen aus 16 oder mehr Segmenten bestehen und oft über die halbe Körperlänge hinausreichen. In Ruheposition werden die Flügel typischerweise längs über das Abdomen gefaltet. Ein wichtiges Bestimmungsmerkmal im Vorderflügel ist das Areolet, eine kleine, fünfeckige Zelle, die durch das Zusammentreffen der Adern 2-Rs, 3rs-m und 2m-cu gebildet wird, wenngleich das Flügelgeäder generell reduziert ist. Zur Abgrenzung von den verwandten *Braconidae* dient das Fehlen der Ader 1-Rs+M im Vorderflügel sowie meist das Vorhandensein einer seitlichen Furche (Glymma) am ersten Hinterleibssegment. Das Abdomen (Metasoma) besteht aus 6 bis 8 sichtbaren Segmenten und endet bei Weibchen in einem spezialisierten Legebohrer (Ovipositor). Dieser kann je nach Unterfamilie extrem variieren, von sehr kurz bis hin zu Längen von über 10 cm bei den Rhyssinae, womit er die Körperlänge deutlich übertrifft. Strukturell besteht der Legebohrer aus verzahnten Valvulae mit gesägten Spitzen, die das Durchdringen von Wirtsgewebe ermöglichen. An den Beinen finden sich oft kammartige Tarsalklauen mit kleinen Zähnen, die den Halt am Wirt verbessern. Ein ausgeprägter Sexualdimorphismus zeigt sich darin, dass Männchen meist kleiner sind und keinen Legebohrer besitzen. Die Eier sind oval und blass, wobei einige Arten Verankerungsstrukturen aufweisen. Die Larven durchlaufen 3 bis 5 Stadien, wobei das erste Stadium bei Ektoparasitoiden spindelförmig und bei Endoparasitoiden oft geschwänzt (caudat) ist. Die Verpuppung erfolgt meist in einem seidenen Kokon, der entweder innerhalb der Wirtsüberreste oder extern gesponnen wird.[7]
Die Familie *Ichneumonidae* wird primär als Gruppe bedeutender Nützlinge klassifiziert, da sie als Parasitoide eine essenzielle ökologische Funktion bei der Regulierung von Arthropodenpopulationen erfüllen.[1][2] In der Land- und Forstwirtschaft fungieren sie als effiziente biologische Kontrollmittel gegen ökonomisch relevante Schädlinge wie *Helicoverpa*-Motten oder *Anticarsia gemmatalis*, wobei in Sojakulturen Parasitierungsraten von bis zu 70 % dokumentiert sind.[1] Ihr Wirtsspektrum konzentriert sich auf die unreifen Stadien holometaboler Insekten, insbesondere von Schmetterlingen (*Lepidoptera*) und Käfern, deren Bestände durch den Fraß der Wespenlarven dezimiert werden. Für den Menschen und die Bausubstanz geht von Schlupfwespen keine Gefahr aus; sie sind weder als Vektoren für Krankheiten bekannt noch verursachen sie Materialschäden, weshalb keine medizinische Relevanz besteht.[4] Ein vermehrtes Auftreten adulter Schlupfwespen kann vielmehr als Indikator für einen vorhandenen Schädlingsbefall dienen, da die Weibchen ihre Wirte mittels chemischer Signale präzise lokalisieren. Im Rahmen der Integrierten Schädlingsbekämpfung (IPM) ist der Schutz dieser Insekten vor Breitband-Pestiziden essenziell, da sie empfindlich auf chemische Eingriffe und Habitatverlust reagieren.[1] Zur Förderung der Populationen empfehlen sich habitatverbessernde Maßnahmen wie der Erhalt von Totholz und strukturreichen Waldflächen, da Kahlschläge die Diversität signifikant verringern.[6] Technische Innovationen ermöglichen mittlerweile die maschinelle Ausbringung von Nützlingseiern in geschütztem Maisspindelgranulat, um eine großflächige biologische Bekämpfung in Pflanzenbeständen zu gewährleisten. Zudem werden spezifische Wirkstoff-Nützlings-Kombinationen entwickelt, die den Einsatz selektiver chemischer Insektizide mit der Aktivität von *Ichneumonidae* synergetisch verbinden, ohne die Nützlinge zu schädigen.[2] Der Erhalt dieser Familie ist somit für die Stabilität von Nahrungsnetzen und die Prävention von Massenvermehrungen forst- und landwirtschaftlicher Schädlinge, wie etwa dem Fichtenknospenwurm, unverzichtbar.[1]