Fakten (kompakt)
- Für ein optimales Gedeihen in Gebäuden benötigt der Pilz einen Feuchtigkeitsgehalt im Holz von über 20 %. - Die rhizomorphen Myzelstränge können einen Durchmesser von bis zu 2 cm erreichen. - Diese Leitungsbahnen sind in der Lage, Wasser und Nährstoffe über Distanzen von mehr als 10 Metern zu transportieren. - *Serpula lacrymans* weist eine Toleranz gegenüber kupferbasierten Holzschutzmitteln auf, da er Oxalsäure produziert, die das Kupfer in unlösliche Kupferoxalat-Kristalle umwandelt. - Der invasive Erfolg in Innenräumen basiert unter anderem auf Assoziationen mit Bakteriengemeinschaften, die den Holzabbau unterstützen. - Systematisch wird die Art dem Unterstamm Agaricomycotina, der Klasse Agaricomycetes und der Unterklasse Agaricomycetidae zugeordnet. - Der erste, taxonomisch ungültige Vorschlag zur Einordnung in die Gattung *Serpula* durch Petter Adolf Karsten erfolgte im Jahr 1884.[6]
Der wissenschaftliche Name der Art lautet *Serpula lacrymans* (Wulfen) J.Schröt. Die Erstbeschreibung erfolgte im Jahr 1781 durch Franz Xaver von Wulfen unter dem Basionym *Boletus lacrymans*, basierend auf Funden aus der Steiermark in Österreich. Die heute gültige Überstellung in die Gattung *Serpula* wurde 1888 von Joseph Schröter in der „Kryptogamen-Flora von Schlesien“ publiziert, nachdem ein früherer Vorschlag von Petter Adolf Karsten taxonomisch ungültig geblieben war. Etymologisch leitet sich der Gattungsname *Serpula* vom lateinischen *serpere* („kriechen“) ab und bezieht sich auf die schlangenartigen, kriechenden Rhizomorphstränge des Pilzes. Das Art-Epitheton *lacrymans* entstammt dem Lateinischen *lacrima* („Träne“) und verweist auf die charakteristischen bernsteinfarbenen Flüssigkeitstropfen (Guttation), die sich auf dem Myzel und den Fruchtkörpern bilden.[1] Historisch war die Art unter Synonymen wie *Merulius lacrymans* (Wulfen) Schumach. (1803) und *Merulius destruens* Pers. (1801) bekannt, was frühere Zuordnungen zu anderen Gattungen vor der Etablierung mikroskopischer Unterscheidungsmerkmale widerspiegelt.[1] Im deutschsprachigen Raum hat sich die Bezeichnung „Echter Hausschwamm“ etabliert.[1][2] International ist der englische Trivialname „dry rot“ (Trockenfäule) geläufig, der das spröde, trocken erscheinende Holz nach dem Befall beschreibt.[1] Innerhalb der Art werden heute zwei kryptische Linien unterschieden: die weltweit in Gebäuden invasive *var. lacrymans* und die in Nordamerika wild vorkommende *var. shastensis*. Die Einordnung erfolgt in die Familie der Serpulaceae innerhalb der Ordnung Boletales.[1]
Die Fruchtkörper von *Serpula lacrymans* erscheinen als krusten- oder konsolenartige Strukturen, die Breiten von über einem Meter und Dicken von 2 bis 20 mm erreichen können. Ihre Färbung variiert von gelblich-braun bis ocker und wechselt bei Sporenreife zu einem rostigen Braun, wobei die Unterseite eine unregelmäßige Porenschicht mit 2 bis 3 Röhren pro Millimeter aufweist. Das vegetative Myzel wächst zunächst als weißes bis blassgelbes, watteartiges Geflecht, das auf befallenen Oberflächen seidige Matten bildet. Ein charakteristisches Merkmal ist die Bildung von dicken, grauen bis braunen Rhizomorphen mit bis zu 2 cm Durchmesser, die oft silbrige Spitzen zeigen. Diese strangartigen Leitungsbahnen transportieren Wasser und Nährstoffe über mehrere Meter und ermöglichen dem Pilz das Überwachsen anorganischer Materialien wie Mauerwerk. Mikroskopisch sind die Basidiosporen ellipsoid bis zylindrisch geformt, messen 9–12 × 4–6 μm und besitzen dickwandige, glatte Oberflächen mit rostbrauner Färbung. Die sporenbildenden Basidien sind keulenförmig, 20–30 μm lang und tragen typischerweise vier Sterigmen. Das Hyphensystem ist trimitisch aufgebaut und besteht aus generativen Hyphen mit Schnallen (Clamp Connections) sowie Skelett- und Bindehyphen. Im Gegensatz zu einigen verwandten Gattungen fehlen im Hymenium Zystiden. Befallenes Holz zeigt eine klassische Braunfäule, bei der der Abbau von Cellulose zu einer dunkelbraunen Verfärbung und starkem Schwund führt. Dies resultiert in einem charakteristischen würfelartigen Rissmuster (Würfelbruch), wodurch das Holz brüchig wird und sich zu Pulver zerreiben lässt. Zur Abgrenzung von verwechselbaren Arten wie *Coniophora puteana* dienen mikroskopische Merkmale, insbesondere das Vorhandensein von Schnallen an den Septen, die bei anderen Kellerschwämmen fehlen können. Ein aktiver Befall wird zudem oft von einem markanten, pilzartigen Geruch begleitet, der durch flüchtige organische Verbindungen wie 1-Octen-3-ol verursacht wird.[1]
Serpula lacrymans ist ein spezialisierter Basidiomycet aus der Ordnung der Boletales, der weltweit als bedeutendster Erreger der Trockenfäule in Gebäuden gilt.[1] Als klassischer Braunfäulepilz baut er selektiv Cellulose und Hemicellulose im Holz ab, während das Lignin weitgehend erhalten bleibt, was zu dem charakteristischen würfelartigen Bruch und Masseverlust des befallenen Materials führt.[5] Obwohl die Art heute kosmopolitisch in menschlichen Bauwerken verbreitet ist, liegt ihr natürlicher Ursprung in den hochgelegenen Nadelwäldern Nordostasiens (var. lacrymans) sowie des westlichen Nordamerikas (var. shastensis). In seiner invasiven Form hat sich der Pilz perfekt an das Mikroklima feuchter, schlecht belüfteter Innenräume angepasst, wobei er ein Temperaturoptimum von etwa 20 °C bevorzugt. Eine zentrale anatomische Anpassung ist die Ausbildung mächtiger, bis zu 2 cm dicker Rhizomorphen, die als spezialisierte Leitungsbahnen für den Nährstoff- und Wassertransport fungieren. Diese grauen bis braunen Myzelstränge können Distanzen von über 10 Metern überbrücken und sogar anorganisches Mauerwerk durchdringen, um trockenes Holz fernab der ursprünglichen Feuchtigkeitsquelle zu erschließen.[1] Mikroskopisch lässt sich die Art durch ein trimitisches Hyphensystem und das Vorhandensein von Schnallen (Clamp Connections) an den Septen identifizieren, welche das dikaryotische Stadium anzeigen.[4] Der Holzabbau erfolgt physiologisch primär über eine nicht-enzymatische Fenton-Reaktion, bei der durch Eisenreduktion generierte Hydroxylradikale die Holzpolymere oxidativ depolymerisieren.[5] Der Lebenszyklus beginnt mit der Keimung der rostfarbenen Basidiosporen bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von über 95 %, woraus zunächst ein monokaryotisches Primärmyzel entsteht. Die sexuelle Fortpflanzung wird durch ein tetrapolares Kreuzungssystem gesteuert, das die Fusion kompatibler Paarungstypen erfordert, um das fertile, dikaryotische Sekundärmyzel zu bilden. Die daraus hervorgehenden Fruchtkörper sind resupinat, fleischig und scheibenartig und produzieren enorme Mengen an Sporen, die als rostbrauner Staub die Umgebung kontaminieren. Historisch wurde die Art 1781 von Franz Xaver von Wulfen ursprünglich als *Boletus lacrymans* beschrieben, wobei der Name auf die „tränenartigen“ Guttationstropfen anspielt, die das Myzel häufig absondert.[1] Im Vergleich zu nahen Verwandten wie *Serpula himantioides* zeigt *S. lacrymans* eine deutlich aggressivere Ausbreitung in Gebäuden und eine stärkere Ausbildung der wassertransportierenden Rhizomorphen.[1]
Das Verhalten von *Serpula lacrymans* ist durch aggressive Wachstumsstrategien zur Erschließung neuer Nährstoffquellen geprägt. Mithilfe spezialisierter Rhizomorphen überbrückt der Pilz nährstoffarme Substrate wie Mauerwerk über Distanzen von mehreren Metern, um weit entferntes Holz zu besiedeln. Unter optimalen Bedingungen zeigt das Myzel dabei ein radiales Wachstum von etwa 5 mm pro Tag. Zur chemischen Verteidigung und Interaktion produziert die Art Sekundärmetabolite wie Variegatsäure, welche Eisen komplexiert und das Schwärmverhalten konkurrierender Bakterien hemmt. Zusätzlich wirken sekretierte Himanimide fungizid gegen Wettbewerber wie *Alternaria porri*. In einer Form der Symbiose interagiert *Serpula lacrymans* mit Bakterien der Gattung *Ralstonia*, die durch enzymatische Unterstützung den Holzabbau beschleunigen. Als chemisches Signal während des aktiven Wachstums emittiert der Pilz flüchtige organische Verbindungen (VOCs) wie 1-Octen-3-ol, die den charakteristischen pilzartigen Geruch verursachen. Eine wesentliche Verhaltensanpassung an abiotischen Stress ist die Fähigkeit, bei Holzfeuchten unter 20 % in eine mehrmonatige Dormanz zu verfallen, bis günstige Bedingungen zurückkehren.[1]
Serpula lacrymans fungiert ökologisch als Braunfäuleerreger, der selektiv Zellulose und Hemizellulose in Nadelholz abbaut, während Lignin weitgehend unberührt bleibt, was zu einer brüchigen Holzstruktur führt. In seinem natürlichen Habitat, den hochgelegenen Nadelwäldern des Himalaya und Nordamerikas, besiedelt der Pilz Totholz von Arten wie *Pinus wallichiana* oder *Abies pindrow*. Dort besetzt er eine ökologische Nische als nicht-dominanter Destruent, da er oft durch konkurrenzstärkere Holzfäulepilze verdrängt wird.[1] In anthropogenen Umgebungen hingegen dominiert er als Spezialist für verbautes Nadelholz (z. B. Fichte, Kiefer) in feuchten, schlecht belüfteten Bereichen.[1] Für das Wachstum sind Temperaturen zwischen 3 und 26 °C (Optimum ca. 20–22 °C) sowie eine Holzfeuchtigkeit von über 20 % erforderlich. Eine entscheidende Anpassung ist die Bildung von Rhizomorphen, die Wasser und Nährstoffe über Distanzen von mehr als 10 Metern transportieren können, um trockenes Substrat zu erschließen. Der Pilz interagiert symbiotisch mit Bakterien wie *Ralstonia*-Arten, die durch enzymatische Unterstützung den Holzabbau beschleunigen und die Besiedlung nährstoffarmer Substrate erleichtern.[1] Zur Verteidigung gegen Konkurrenten produziert *S. lacrymans* Sekundärmetabolite wie Himanimide, die antimikrobielle Wirkungen gegen andere Pilze wie *Alternaria* zeigen.[1] Zu den natürlichen Feinden zählen antagonistische Pilze der Gattung *Trichoderma*, die das Myzel von *S. lacrymans* überwachsen und abtöten können.[1][2]
Serpula lacrymans gilt als einer der zerstörerischsten Holzschädlinge in Gebäuden und verursacht weltweit immense ökonomische Schäden, wie jährliche Reparaturkosten von etwa 150 Millionen Pfund allein im Vereinigten Königreich belegen. Als Braunfäuleerreger baut der Pilz selektiv Zellulose und Hemizellulose ab, was zu einem rapiden Masseverlust von bis zu 50 % innerhalb von 60 Tagen führen kann und das Holz in brüchige, würfelartig zerfallende Fragmente verwandelt. Da er bevorzugt tragende Bauteile wie Balken und Dachstühle befällt, kann ein unentdeckter Befall die statische Integrität eines Gebäudes bis hin zur Einsturzgefahr kompromittieren. Neben den strukturellen Schäden besitzt der Pilz medizinische Relevanz, da eingeatmete Sporen respiratorische Reizungen, allergische Reaktionen und Asthma verschlimmern können. Typische Befallsanzeichen sind rostfarbene Sporenablagerungen, wattiges weißes bis gelbliches Myzel sowie dicke, graue Rhizomorphe, die bis zu zwei Zentimeter Durchmesser erreichen. Ein charakteristischer, pilzartiger Geruch nach 1-Octen-3-ol dient oft als erster Indikator, während moderne Nachweismethoden wie DNA-Analysen mittels PCR oder ELISA-Tests auch verdeckte Infektionen bestätigen. Die Rhizomorphe fungieren als Leitungsbahnen für Wasser und Nährstoffe, wodurch der Pilz trockenes Mauerwerk über mehrere Meter durchwachsen kann, um neue Holzquellen zu erschließen. Präventive Maßnahmen konzentrieren sich auf baulichen Feuchteschutz, wie die Installation von Dampfsperren und ausreichende Belüftung, um die Holzfeuchte dauerhaft unter 20 % zu halten.[1] Für gefährdete Hölzer werden Schutzmittel auf Basis von Boraten oder Kupferverbindungen eingesetzt, die tief eindringen und eine toxische Barriere gegen das Myzelwachstum bilden.[1][2] Die Bekämpfung erfordert meist das großräumige Entfernen befallener Hölzer mit einem Sicherheitsabstand von mindestens 60 Zentimetern über den sichtbaren Befall hinaus. Physikalische Methoden umfassen die Hitzebehandlung bei über 50 °C oder die gezielte Austrocknung, da der Pilz ohne ausreichende Feuchtigkeit nicht überlebensfähig ist.[1] Ergänzend kommen chemische Fungizide wie Propiconazol oder Alkyldimethylamintetraborat zum Einsatz, während biologische Ansätze mit Antagonisten wie *Trichoderma*-Arten experimentell zur Hemmung im Mauerwerk genutzt werden.[1][2] Rechtliche Rahmenbedingungen wie Bauvorschriften und Quarantäneprotokolle regeln den Umgang mit infiziertem Material, um eine Verschleppung durch den globalen Holzhandel zu verhindern.[1]
Der Echte Hausschwamm (*Serpula lacrymans*) gilt als einer der zerstörerischsten holzabbauenden Pilze weltweit und verursacht massive ökonomische Schäden in der gebauten Umwelt.[1] Allein im Vereinigten Königreich wurden die jährlichen Reparaturkosten für durch Trockenfäule verursachte Schäden im Jahr 1999 auf 400 Millionen Pfund geschätzt, während sie in Frankreich bei etwa 30 Millionen Euro lagen.[5] In Deutschland und der Schweiz belaufen sich die Kosten für den vorzeitigen Austausch von durch Holzfäulepilze, einschließlich *S. lacrymans*, beschädigten Strommasten auf jährlich rund 36 Millionen Euro. Der Pilz baut selektiv Cellulose und Hemicellulose in tragenden Hölzern ab, was zu sprödem Würfelbruch und potenziellen Gebäudeeinstürzen führt, oft ohne sichtbare äußere Anzeichen bis zum Versagen. Bei städtischen Renovierungsprojekten in Metropolen wie Berlin oder London führen unerwartete Funde in der alternden Infrastruktur häufig zu Sanierungskosten in Millionenhöhe und Nutzungsunterbrechungen.[1] Historisch gesehen verursachten Ausbrüche im 19. Jahrhundert in europäischen Werften massive finanzielle Belastungen und verzögerten sogar marine Operationen.[1] Versicherungsdaten aus Schweden zeigen eine Verdopplung der Schadensfälle von 130 auf über 260 pro Jahr zwischen 2010 und 2021, was auf eine Zunahme der wirtschaftlichen Relevanz durch den Klimawandel hindeutet.[4] Neben den strukturellen Kosten führen gesundheitliche Folgen wie Allergien und Asthma bei Bewohnern befallener Gebäude zu steigenden Versicherungsansprüchen.[5] Die hohe wirtschaftliche Bedeutung treibt zudem die Entwicklung spezialisierter chemischer und biologischer Schutzmittel voran, wie zahlreiche Patentanmeldungen zur Bekämpfung des Erregers belegen.[2]